Besagte Verwandte ist vierundachtzig und geistig noch voll auf der Höhe, ihr Gehör aber entspricht dem einer Weinbergschnecke mit chronischer Mittelohrentzündung. Gespräche mit ihr bestanden gefühlt zu drei Vierteln aus der Wiederholung von Kernfetzen ganzer Sätze, die zuvor nutzlos in die Muschel gebrüllt wurden. Herr Mohr vergewisserte sich vor Anrufen in Burghausen schon immer, dass die Nachbarn über und neben ihm nicht im Hause waren, um dem Besuch von Polizeistreifen vorzubeugen. Der Nachbar unter ihm hingegen teilte das Schicksal der Tante und eine akustische Belästigung ausgeschlossen. Jedenfalls konnte Anneliese die Tasten noch recht gut treffen und so gab es hin und wieder elektronische Post von der alten Dame, die er als Lieblingsneffe brav beantwortete.

Als Herr Mohr sich vor drei Jahren erstmals einen Rechner anschaffte, war es allerdings, als müsse er das Laufen neu erlernen. Am meisten schreckte ihn die Erkenntnis, dass ihm sein fliesenlegender Freund Gernot an Maus und Tasten haushoch überlegen war.
„Da klickste einfach hier, machst da `n Haken, trägst das dann da ein und schon bisse im Internet“, kommentierte Gernot sein Gewirbel mit dem Mauszeiger, bei dem Herrn Mohr schwummerig wurde.
Das Ende vom Lied war, dass er ohne fremde Hilfe niemals das Web-Licht der Welt erblickt hätte und er sich einige Tage nach der Erholung von diesem Tiefschlag zu einem PC-Kurs für Anfänger bei der Volkshochschule anmeldete. Unter falschem Namen selbstverständlich und sofortiger Barzahlung der Kursgebühr.

Selbst mit dem Wissen aus dem Kursus und aus einer für Außenstehende etwas übertrieben scheinenden Menge an Fachliteratur kam es in der Zeit danach aber immer wieder zu Situationen, in denen Herrn Mohr nicht erspart blieb, Fachpersonal hinzuzuziehen. Also Gernot. Anderen konnte er seinen Erfahrungsmangel unmöglich offenbaren. Und auch das Erreichen von Level sieben bei der Solitaire Pyramide half ihm nicht in jeder virtuellen Lebenslage weiter.

„Gernot, du musst vorbeikommen, bitte.“
„Wat hasse denn wieder? Kommste nich ins Web?“
„Doch, das funktioniert. Aber ich habe da eine Zuschrift erhalten, die mich sehr verunsichert. Das musst du dir ansehen.“
„Kannse dat nich vorlesen? Ich hab eigentlich kein Zeit jetz.“
„Es ist eine delikate Zuschrift und ich weiß nicht, ob das wirklich etwas fürs Telefon ist.“
„Jetz zier dich nich so“, drängelte Gernot.
„Also gut, aber hör erst mal bis zum Ende zu, ja? Nicht unterbrechen und nicht lachen, hörst du?“
„Kann ich nich garantieren, wenn du dat schon so ankündigen tus!“
„Versprich es, sonst les ich es nicht vor!“
„Also gut, ich geb alles!“
„In Ordnung. Also, der Text einer Mail, die ich erhielt, geht so:
Du, Mitglied 401424, wurdest zum Ficken eingeladen. Dahinter steht eine Internetadresse und die Aufforderung, meinen Termin nicht verfallen zu lassen. Mich grüßt das Wochenendfick-Team, das offenbar in Malta beheimatet ist.“
Herr Mohr setzte ab und lauschte. Die Geräusche, die aus dem Hörer kamen, klangen nach einem zwanghaft unterdrückten Niesen in einen Berg von Handtüchern. Aber ein Wort war nicht zu vernehmen. Er fuhr fort.
„Und nun habe ich folgende Antwort vorbereitet:

Sehr geehrtes Wochenendfick-Team,
zunächst danke ich Ihnen für die Einladung und den mir zugedachten Termin. Leider ist Ihre Zuschrift mit Blick auf das genaue Datum so unpräzise, dass ich nicht sinnvoll zu antworten vermag. Gerne würde ich Ihnen mitteilen, ob es mir möglich ist, den Termin wahrzunehmen, aber dies bedarf einer höheren Planungsgenauigkeit. Darüber hinaus ersuche ich Sie um Zusendung meiner Beitrittserklärung, aus der sich meine Mitgliedschaft in Ihrer Interessengemeinschaft ergibt.
Mit freundlichen Grüßen nach Malta
Ihr Otto Mohr

Und, Gernot, meinst du, die Antwort ist angemessen?“
Schweres Schnaufen am anderen Ende, etwa so wie das eines Nilpferds, das sich am Feierabend eines langen Zootages mühsam aus dem Becken quält.
„Otto, ich glaub du solltes da nich antworten.“
„Warum nicht?“
„Ich glaub, wenne dat abschicks, kommse ins Fernsehen.“
„Meinst du, da steckt ‚Verstehen Sie Spaß’ dahinter?
„Nee, eher dat Gesundheitsmagazin Praxis, weil die einen gefunden haben, der nich alle Latten im Zaun hat. Ers kommse ins Fernsehen und dann inne Klappse.“
„Bitte, Gernot, da kann ich nichts dafür, wenn die so unpräzise sind.“
„Mensch Otto, kapier doch ma: Die wollen nur, datte auf den Link klicks, oder dich da registriers, damit se deine Daten haben und dir irgend so nen fiesen Virus oder Wurm schicke könn’. Oder an deine Kohle kommen, weil du denen auch noch deine Kontonummer schreiben würds.“
„Nein, also die bekämen sie erst, wenn ich tatsächlich auf Malta gewesen wäre. Aber ...
„Du wills doch nich wirklich in Malta zum Ficken gehen“, brüllte Gernot.“
„Auf Malta, Gernot, es ist eine Insel, da sagt man auf Malta.“
„Jetz hör schon mit dein’ Geklugscheiße auf. Has du dat etwa abgeschickt? Oder dich da auf der Seite irgendwie registriert?“
„Na ja, ich hab ...“
„Ach du Scheiße, Otto, fahr sofort alles runter, ich komm.“
„... erst nur mal geguckt. Aber angemeldet hab ich mich dann unter deinem Namen.“

Es gibt Momente, in denen kann man hören, wie Stille sich auf einen zubewegt. Otto fühlte, wie Gernot auf sein Telefon starrte, wie sich kleine Bläschen in seinen Mundwinkeln bildeten, die beim Schnappen nach Luft sanft Zerploppen und wie sein Freund die Möglichkeiten durchging, ganz ohne Anwalt der Gerechtigkeit ihren Lauf zu lassen.
„Das ging dann aber nicht“, fuhr Herr Mohr fort. „Das System hat eine automatische Mitteilung angezeigt, wonach ein Gernot Krusenkamp mit der Mitgliedsnummer 281527 registriert ist. Da war ich bei der Ziffer doch überrascht, dass du schon länger Mitglied bist als ich.“

Es gibt Momente, in denen der Erfolg einer Argumentationskette derart durchschlagend ist, dass keine Gegenwehr mehr zu erwarten steht. Herr Mohr nahm nur ein schwaches Röcheln am anderen Ende der Leitung wahr.
„Gernot? Bist du noch dran? Ich denke, es ist an der Zeit dir zu sagen, dass ich niemals zum Geschlechtsverkehr nach Malta fliegen würde. Und schon gar nicht nur für ein Wochenende.“
„Sondern für drei Wochen nach Thailand, oder wat?“
Immerhin hatte der Fliesenleger sein Sprachzentrum reaktiviert.
„Nein, auch das nicht. Ich könnte Luise nicht mehr unter die Augen treten, wenn sie davon hörte.“
„Ich glaub, deiner Ex is ziemlich mittlerweile total egal, wann du mit wem inne Kiste steigs. Die würd eher fragen, wie dir dat gelungen is, deine tote Hose auszuziehen.“
„Jetzt wirst du persönlich.“
„Du etwa nich? Mich da in so ne Scheiße anzumelden ...“
„Bei so ner ..., Gernot, bei. Aber weißt du, am meisten freut mich, dass du mir die Sache geglaubt hast.“
„Lauf dich schomma warm, Otto. In zehn Minuten bin ich da.“
„In Ordnung, mein Lieber. Das Bier steht kalt. Und dann hilfst du mir dabei, diesen elenden Spamfilter besser einzustellen.“







Herr Mohr ist durchaus ein moderner Mensch. Zwar vertritt er die Meinung, dass ein Mann von siebenundfünfzig Jahren nicht immer und überall erreichbar sein muss und ein Leben auch ohne mobiles Telefon denkbar erscheint. Doch selbst ihm ist nicht verborgen geblieben, dass einige wenige Neuheiten einen praktischen Reiz verströmen. Beispielsweise ist der Austausch von Mails mit Tante Anneliese in Burghausen wesentlich angenehmer, als die jahrelang zur Wahrung des Erbes erforderlichen Telefonate.

Foto: Christian Steinkrüger

Herr Mohr verschließt sich keinesfalls dem Fortschritt. Er ist manchmal etwas langsamer als jener, dafür guckt er halt genauer hin. Und nimmt bisweilen Dinge persönlicher, als es vielleicht sinnvoll ist. In solchen Momenten sind gute Freunde eine echte Hilfe.

Herr Mohr und die Post aus Malta