Ich schenke ihm zwei Euro ... also, dem Leierkastenmann natürlich, nicht dem Westernhelden. Er schenkt mir dafür eine Tüte Lachgummis. In der kleinen Verpackung soll stecken, was ihm selbst abhanden kam.

Auf der Wiese im Schlosspark schwebt einer über den Dingen, der eigentlich im Tiefgeschoss seiner Existenz feststeckt. Jedenfalls sieht er so aus. Der Mann mit den Tönen auf der Spule dudelt ‚Eine Insel mit zwei Bergen’ und der seltsam Entrückte auf der Wiese interpretiert das tänzerisch. Auf mich wirkt er wie ein Kung-Fu-Kämpfer, der sich auf die Fahne geschrieben hat, per Handkantenschlag Fliegen in zwei Hälften zu zerteilen. Der übergroße Parka, an dem etliche Knöpfe fehlen, schlabbert um ihn herum, verleiht dem Wiesentanz etwas unfreiwillig Komisches. Von der Sonne gegerbt und ohne nennenswerte Pflege in der letzten Zeit, erinnert er mich an einen dieser tiefbraunen Inka-Nachfahren. Die mit den hohen Hüten. So ein Ding hat er auch auf dem Kopf.

Die Orgel drischt ‚Ein Freund, ein guter Freund’ über den Platz, der Duft von Karamell-Kaffee huscht an meiner Nase vorbei. Hier sind viele Menschen. Die, die nicht vorbeisausen, stehen oder sitzen und schauen in Mobiltelefone. Betrachten der Umgebung ausgeschlossen. Die Dinge, die man verpassen könnte, sind hinter einem Display gefangen. Krass, die Orgel kann auch die Rosi im Sperrbezirk. Wenn das kein Skandal ist ...

In kurzer Folge rasen ein Skateboard und ein Roller vorbei, zerteilen die Menge, die sich hinter ihnen wie eine schwappende Glibbermasse wieder schließt. ‚I just call to say I love you’ ... der Drehkasten-Künstler hüpft hinter seinem Gerät für seine Verhältnisse ekstatisch, bleibt aber beim fehlenden Lachen. Dann muss er die Rolle wechseln. Spannend, die Stille.

Auch der Kung-Fu-Inka macht eine Pause. Auf dem Hintern hat er Flecken von der Wiesen-Nässe. Oder sind es andere. Mit lehmigen Fingern dreht er sich eine frische Kippe aus den Resten aufgesammelter Stummel. Wie mag sein Weg bis an diesen Punkt in seinem Leben verlaufen sein. Der Mann an der Orgel äußert eine Vermutung: ‚Schuld war nur der Bossanova’. Diese Meinung teile ich nicht ...

Ich muss weiter, das fühle ich. Dem Orgelspieler geht es auch so. An dem Kasten hängen fünf Plastiktüten mit seiner Habe. Er hinkt. Als er an mir vorübergeht, spricht er mit sich selbst. Wahrscheinlich sein einzig sichere Kommunikation. Doch irgendwas scheint ihn auch nach draußen zu treiben. Ein bisschen was haben er und ich gemeinsam. Was, das bleibt sein und mein Geheimnis. Ich fand es, indem ich einfach entspannt zugesehen habe, was um mich herum passierte. Gedankenloswerdezeit.









Ziellos durch eine Stadt zu gehen hat etwas ungemein Entspannendes. Verkrampftes Gehirn lösen, das an der Innenwand des Kopfes zu kleben scheint, gut festgepappt von Pflichten und Terminen. Und dann Sitzen und Schauen. Fußgängerzone Stuttgart, Ecke Schlossplatz.

Ein Orgelspieler, der sein Lachen verloren hat, dreht seine Walzen ab. Nach ‚La paloma blanca’ hat er die Titelmelodie der Winnetou-Filme im Repertoire. Mitten in der Stuttgarter City kurbelt der stur geradeaus starrende Mann den guten Old Shatterhand in den Sonnenuntergang.

Foto: Christian Steinkrüger

Was um einen herum so alles passiert und nicht in den Nachrichten kommt ... meist kriegt man es gar nicht mit, weil für das Hinsehen und Beobachten keine Zeit bleibt. Kürzlich hatte ich mal welche. Nein ... sie mir einfach genommen ...

Gedankenloswerdezeit