Kriechel war stets ein wundersamer Mann, doch sein Blick ist trotz seines mittlerweile hohen Alters klar. Die Menschen kommen vor allem zu ihm, wenn ihnen der Durchblick fehlt. Kein Wunder, schließlich ist er Optiker. Vermutlich der Einzige seines Berufsstandes, der glaubt, ein Kratzer auf dem Glas sei Werbung für die Qualität und Langlebigkeit seiner Produkte. Aber man verzeiht ihm diese nach modernen Maßstäben dürre Performance, sobald er den Mund aufmacht. Seine dunkle Stimme hat die Wirkung eines Sessels, der dazu einlädt, es sich gemütlich zu machen. Ich lernte Kriechel vor einer gefühlten Ewigkeit kennen, es mochten gut und gerne vierzig Jahre sein. Nein, sogar noch mehr, denn seit ich eine Brille trage, kaufe ich sie nur bei ihm. Zusammen sind wir alt geworden, ich mittelalt und er so richtig.

Wenn ich Kriechel ansehe, habe ich stets das Gefühl, ihn aus einem früheren Leben zu kennen. Dienstleister war er in dieser Vorstellung immer schon gewesen, ob er mir eine Ritterrüstung verkaufte, mir in meiner Zeit als ägyptischer Pharao die Träubchen an die Liege brachte, oder einfach nur die Pistole ölte, während ich als Westernheld von Kopfgeldjagd lebte. Eine angedeutete Verbeugung und das millimetergenaue Lächeln sind bis heute sein Markenzeichen, wenn er die Tür aufhält. Gewiss ist er ein hintergründiger Mann.

Es war letzten Herbst, da erwies sich meine Fernbrille als offensichtlich unmodern und zerbrach in einem gnädigen Komplott aus Vorsehung und Ungeschicktheit in einer Straßenbahn. Ich legte sie, vom Regen undurchsichtig geworden, neben mir ab, um ein Taschentuch zu zücken, als sich eine ältere Dame mit gleichfalls schwachen Augen und breiter Sitzfläche niederließ. Es machte ‚Knack’ und mein Sehvermögen war vorerst auf sich allein gestellt. Allen Beteuerungen zum Trotz, wie Leid es ihr täte, dankte ich ihr herzlich, nahm für die Versicherung ihre Adresse an mich und ging zu Kriechel. Sicher kennen Sie das Gefühl, wenn man spürt, wann für etwas die Zeit gekommen ist.

„Was kann ich denn heute für Sie tun, Herr Dittmer?“
„Wie immer, Herr Kriechel, heilen Sie bitte meine schwachen Augen!“
„Da findet sich bestimmt was. Tut’s sonst noch irgendwo weh?“
In einer Mischung aus halber Wahrheit und dem Bemühen, überhaupt eine Antwort geben zu können, entgegnete ich: „Die Seele, Herr Kriechel, die Seele. Mich umspielt so eine kaum greifbare Schwermütigkeit. Wie ein Gewicht, das es mühsamer macht, durch die Tage zu gehen.“
„Auch dafür hab ich eine Idee, aber zuerst zeigen Sie mir bitte das Rezept vom Augendoktor.“

Ich gab es ihm und wir probierten etliche Modelle, endeten schließlich bei einer fast randlos wirkenden Brille, die mir auf der Nase zu schweben schien. Kriechel stellte die These auf, dass dieses Gestell nicht zerbrechen würde, wenn sich jemand draufsetzte, sondern lediglich die Gläser. Was dem Platznehmenden ein unangenehmeres Gefühl bescheren sollte als mir. Ich lächelte bei dem Gedanken und wollte mich schon dem Ausgang zuwenden, als er mich zurückhielt.
„Und damit zu Ihrem anderen Problemchen. Setzen Sie sich noch einmal, bitte.“
Irritiert sank ich auf den Hocker zurück.
„Herr Dittmer, für meine treuen und gleichermaßen besonderen Kunden habe ich etwas, das Ihre uneingeschränkte Diskretion voraussetzt. Einen Gegenstand, den ich Ihnen nur unter ein paar Bedingungen anvertrauen kann. Das auch nur für eine recht kurze Zeit und bei absoluter Verschwiegenheit.“
Unruhig rückte ich mich zurecht, scannte mit fliehenden Augen die Aura Kriechels danach ab, was er gleich zücken würde.
„Mein Gott, Herr Kriechel, Sie machen es aber spannend. Was kostet es mich denn und muss ich was unterschreiben?“
„Es ist kostenlos und Sie müssen nirgends quittieren. Habe ich Ihr Wort, dass Sie über Ihre Erlebnisse in den nächsten sechzig Minuten niemand etwas erzählen?“
Ich fühlte mich wie der kleine Junge, der von einer Köstlichkeit probieren möchte, die er vor sich sieht, doch die Folgen nicht einzuschätzen weiß. Zu gerne hätte ich mal einen Finger vorgestreckt, ihn vorsichtig abgeschleckt, aber Kriechel saß wie ein Denkmal da und wartete auf eine Antwort. Mein Schutzengel gab mir einen Stoß und motzte, dass ich Blindfisch für das Erkennen eines Wohltäters so lange brauchte.
„In Ordnung, Herr Kriechel, Sie haben mein Wort. Was hat es mit der Stunde auf sich?“
Der Optiker beugte sich mit altersangemessener Steifheit hinab, zog die unterste Schublade auf, kam mit einer Nickelbrille Marke John Lennon wieder hoch und legte sie vor sich.
„Diese Brille, Herr Dittmer, hat einige Besonderheiten. Durch sie erscheinen die Dinge klarer. Das klingt zunächst wenig ungewöhnlich, denn dazu sind Brillen ja da. Sie werden den Unterschied aber bemerken und schon sehr bald wissen, was ich meine. Von dem Moment, in dem Sie sie aufsetzen, dürfen Sie genau eine Stunde hindurchschauen. Keine Sekunde länger, sonst wird sich ihr Leben verändern. Auf eine Weise, die Sie nicht wollen. Bleiben Sie unter einer Stunde, wird es das auch. Doch positiv. Genießen Sie die Zeit.“

Kriechels kurze Rede verfehlte ihre Wirkung bei mir nicht. So muss sich Adam gefühlt haben, als Eva ihm wieder und wieder nahelegte, in den Apfel zu beißen. Sein oder nicht sein, das ist hier die Frage. Des wütenden Geschicks erdulden oder sich waffnend gegen eine See von Plagen? Ich war fraglos weder Hamlet noch Adam, aber im selben Dilemma und die Versuchung ob des Angebotes zu stark. Ich griff nach der Brille und setzte sie zögerlich auf.
„Es ist jetzt 17:14 und dreißig Sekunden. Viertel nach sechs wäre also ein bisschen zu spät. Seien Sie pünktlich, Herr Dittmer, im eigenen Interesse.“

Mit wackeligen Beinen trat ich hinaus auf die Straße. Als das Gestell auf dem Tisch gelegen hatte, wirkten die Gläser zerkratzt, hier draußen sah ich mit beeindruckender Schärfe, was es zu sehen gab. Die Wolken waren weg, am Rand des Glases aber noch da. Ich ging ein Stück, sah in eine Nebenstraße. Ein Mann tanzte auf zehn Quadratmeter Regen, ohne Gene Kelly zu sein. Im Schaufenster des Kaufhauses lag ein Nilpferd und zermalmte genussvoll ein riesiges Weißbrot.

Den Blick fest auf die Auslagefläche gerichtet, sah ich über den Brillenrand. Kein Nilpferd. Durch das Glas. Nilpferd. Wieder drüber. Keins.
„Was sehen Sie dort im Schaufenster?“, fragte ich eine zufällig vorbeikommende Frau.
„Sie sollten zu einem Augenarzt, wenn Sie die Dekorateurin nicht erkennen.“
„Isst sie etwas?“
„Soll ich Sie persönlich zum Doktor bringen, oder was?“
Sie ging, ohne meine Antwort abzuwarten. Was also ist die Lektion eines Nilpferds in der Auslage? Das außerdem gerade kurz lächelte! Was zum Teufel war das für eine Brille, die Kriechel mir da gegeben hatte?

Während ich darüber nachdachte, sah ich, wie ich neben dem Schaufenster aus dem Kaufhaus kam, fröhlich die Pendeltür für einen älteren Herrn geduldig aufhaltend. Ich trug einen Koffer und ging in Richtung Stadtpark. Über den Rand schauend waren weder ich noch ein Koffer dort, aber durch das Glas lief ich gestochen scharf vor mir selbst davon. Zeit, mich zu verfolgen.

Am Parkrand angekommen packte ich ein Saxofon aus, das ich nie spielen konnte. Eine ganze Weile lauschte ich sehr akkuraten Tönen und sah viele Münzen in eine Mütze fallen. Leute, die stehen blieben und zuhörten, wirkten glücklich. Und der Saxofonspieler ebenso. Nach einem donnernden Schlussapplaus machte er Feierabend und verließ winkend den Ort seines Konzerts. Wir strebten durch die Straßen und ich vergaß die Zeit. Immer wieder grüßte mein Pendant vorbeikommende Menschen, hielt ein kurzes Gespräch, er schien Gott und die Welt zu kennen. Es ging zum Schlossberg, wo er sich auf eine Mauer setzte und auf die Stadt hinab sah. Einige Meter weiter gesellte ich mich dazu und blickte, wohin er schaute. Ich sah Ruhe trotz Bewegung. Ich sah pastellfarbene Schönheit trotz braunen Drecks, hörte Harmonien trotz Lärm und entdeckte Wege im Straßengewirr, die vorher nicht zu erkennen waren. Ein Straßenfeger verrichtete seine Arbeit mit fast tänzerischer Grazie. Ein Hund las ausgiebig das Neueste am Laternenmast. Ich fühlte den Genuss des Moments, die erholsame Langsamkeit der Zeit. Ja, ja, ... die Zeit. Wie wunderbar, wenn man welche hat. Ich sah auf mein Handgelenk. 18:08 Uhr.

Zugegeben, ohne das zufällig vorbeikommende Taxi hätte ich es nicht geschafft. So aber lieferte ich die Spezialbrille handgestoppte vierzig Sekunden vor Ablauf der Stunde wieder bei Kriechel ab. Er stand schon mit dem Blick auf seine Uhr in der Tür, als ich ausstieg.
„Sie haben es eng werden lassen!“
„Timing ist halt alles“, täuschte ich Entspanntheit vor. „Eine denkwürdige Brille ist das.“
„Nicht wahr? Was haben Sie gesehen?“
„Mich.“
„Fanden Sie sich interessant?“
„Ja, durchaus.“
„Öffnen Sie nicht nur Ihre Augen, Herr Dittmer. Das war erst der Anfang. Gehen Sie weiter auf diesem Weg. Und ich melde mich, wenn Ihre neue Brille fertig ist.“
„Was wäre eigentlich nach mehr als einer Stunde passiert?“
„Das weiß niemand“, grinste er mich an. “Ob Sie meinen Laden dann überhaupt wieder gefunden hätten?“


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Drum greif das Glas, so du es siehst! Und trink!














Wann immer Erinnerungen dir ein Glas mit schönen oder gütigen Gedanken einschenken, du dich darauf freust, von diesem betörenden Trunk erst einen sanften und danach einen großen, wohltuenden Schluck zu nehmen, kommt garantiert einer vorbei und reißt es ungeschickt von der Tischkante. Dann liegt die Rückblende als breite Fläche vor dir, jede vermeintliche Süße mischt sich mit dem Geschmack des Untergrunds und die Bedenken gewinnen die Oberhand, noch davon zu kosten. Drum greif das Glas, so du es siehst! Und trink!

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Foto: Christian Steinkrüger

Die Welt zu sehen ist eine Sache. Sie zu sehen, wie man sie sich wünscht, eine weitere. Und sie zu sehen, wie sie sein könnte? Wer im Alltag nicht genau genug hinguckt, sollte jetzt hingucken und lesen. Eine reizvolle Perspektive könnte dabei sein ...

Das Stunden-Glas