Die ganze Geschichte begann mit einem Witz, lässt man mal die Fahrt ins Bonner Uniklinikum außen vor. Nein, es waren gleich mehrere.


„Sehen Sie mal“, sagte ich, „die Krücken hier sind von vor sieben Jahren, als ich meine erste Hüfte bekam.“ Ich schwenkte sie fröhlich, als ich auf zwei Beinen, mit Reisetasche und Gattin zum Dienstantritt im Krankenhaus erschien.
„Das sind keine Krücken. Die nennen wir hier Gehstützen. Krücken sind die zwischen den Gehstützen“, antwortete der Pfleger.
Da wirst du vom breit grinsenden Personal gleich mal liebevoll degradiert. Und ich tat gut daran, mitzulachen. Die Energie, die daraus entstand, würde wertvoll sein.
Er plauderte noch eine ganze Weile, nahm sogar meine umgehende Bitte für eine zusätzliche Bettauflage mit einem gnädigen Schmunzeln zur Kenntnis.
Und plötzlich: „Wenn die OP’s was länger dauern, dann gibt es sowieso einen Blasenkatheter.“
„Echt? So von vorne rein?“ Meine Gegenfrage zielte darauf, dass ich auch von welchen hörte, die über die Bauchdecke reingehen. Aber diesen Hintergrund sah er offenbar nicht.
„Ja, die ganz langen, die von oben durch den Mund, die haben sich nicht bewährt. Bestellen wir schon seit Jahren nicht mehr.“
Wieder mitgelacht.
„Im OP-Plan stehen Sie an Eins. Wahrscheinlich holt man Sie um halb sieben ab. Der Chef hat es gerne, wenn seine Gäste pünktlich sind.“

Das Gute an Krankengeschichten, die mit etwas Abstand geschrieben sind, könnte sein, dass sie sich nicht mehr ganz so sehr danach anhören. Es könnte. Muss nicht. Aber könnte. Das liegt daran, dass mit dem Abstand der Blick auf andere Details wieder frei wird. Eine Freiheit, die sich in Momenten stärkster Einschränkungen beleidigt zurückzieht und blökt, sie werde ja sowieso grad nicht gebraucht.

Als ich vor reichlich mehr als dreißig Jahren an Tag 1 meines Grundwehrdienstes militärisch in Empfang genommen wurde, da prognostizierte der Kompaniechef den neuen Rekruten, dass sie schon bald die vor ihnen liegende Zeit verklären. Zu etwas, über das man mit einem Lächeln spricht. Bis heute erinnere ich mich an diese Ansprache und wann immer ich in der ... stecke, so weiß ich um die andere Perspektive. Manchmal nur wenige Tage später.

Wecken also um 6, ein bisschen letzte Wäsche im Stehen, weil es noch so einfach geht. Und dann die Pille für das Egal-Gefühl. Die wirksamste, die ich in meiner Krankenhaus-Historie je geschluckt habe. Fast schade, dass ich nicht weiß, was das war. Könnte man für manche Besprechung gebrauchen. Keine Ahnung jedenfalls mehr, wie ich vom Zimmer in den Saal gerollt wurde. Hab ich den Professor begrüßt? Unverzeihlich, falls nicht.

Aufwachen um ... ich weiß es nicht. Warum piept hier alles? Sie haben mein Gehirn durch Watte ersetzt, in der vereinzelt Blitze zucken. Erinnerungen an frühere Funktionen. Hinter den Augen steht ein kleines Männchen. Rollo hoch. Nein, zu hell. Gleich wieder runter. Irgendwas war da, mach noch mal hoch. Nein, sagt es, die Jalousie bleibt unten. So geht es eine gefühlte Ewigkeit. Ich bin definitiv nicht Herr meines Leibes. Es ist sowieso irgendwas ganz anders als sonst beim Aufwachen. Die ganzen Schläuche und Kabel sind seltsam.

An dieser Stelle ließe sich trefflich die Story mit dem Blasenkatheter fortsetzen. Ich kann auch sagen, dass ich mir die seit Jahren schon nicht mehr bestellten gewünscht hätte. Doch es kam anders. Was ich aber für mich behalten muss.


„Herr Pfeffer? Können Sie mich hören? Sie sind hier auf der Überwachungsstation? Die OP hat etwas länger gedauert.“

Meine Watte rechnet.
„Sie haben auch etwas zu viel Blut verloren.“
Meine Watte grübelt. Was ist hier schiefgelaufen? Rollo wieder runter.

Eine Stunde später, der Rücktausch Hirn gegen Watte hat langsam begonnen, bin ich wie ein kleines Kind mit der Ergründung der anderen Schlauch-Enden befasst. Die Details sind weiterhin unklar, man vertröstet mich auf die Visite. Die sagt mir ein wenig später, dass es ziemlich große Schwierigkeiten beim Ausbau der alten Hüftpfanne gab und dass die neu installierte Konstruktion drum wesentlich aufwendiger sei.

Meine Frau haben sie von der normalen zur Intensivstation verbunden, als sie mal nachhören wollte, wo ich wohl bin. Bis heute stelle ich mir diesen Moment vor, als sie mit dem Klacken in der Leitung alleine gelassen wird, ahnend, dass jetzt eher Schwieriges kommt. Sie war noch am selben Abend da, der Schreck über den Anblick zeichnete ihre Stirn. „Inmitten dieser piepsenden und blinkenden Hightech-Arena liegt dann so ein Schlückchen Mensch“, so hat sie ihren Eindruck beschrieben bei der ersten postoperativen Begegnung. Ich war so weiß, dass ich nur wegen der ganzen aufgeklebten Messfühler auf dem Laken auszumachen war.

Gegenüber liegt Herr Kartmann (alle Namen, so auch dieser, sind nicht die echten!). Also, eigentlich steht er mehr. Und bringt damit immer wieder alles in Aufruhr, denn Aufstehen heißt Piepsen. Die Geräte für den Blutdruck, den Blutsauerstoff und anderes denken dann, Herr Kartmann sei gestorben. Ist er aber nicht, Herr Kartmann mag nur nicht im Liegen pieseln. Was ich irgendwie sogar verstehe. Da werden wir jahrzehntelang darauf gedrillt, nicht im Bett zu pullern und nun ist genau das Pflicht. Kein Wunder, dass es fast einen Reflex gibt, das zu verhindern. Auf der anderen Seite beginne ich Herrn Kartmann dafür zu verteufeln, dass er die geistige Transferleistung zwischen sonst und jetzt nicht schafft. Er erhält nämlich nicht nur die Erlaubnis, es im Bett zu tun, sondern sogar eine Flasche, die das auch ermöglicht. Aber nein, er muss aufstehen und bockig alle Alarme auslösen. Das sorgt im Stundenrhythmus in der Nacht für Gelüste, die ich bislang bei mir nicht gekannte habe.

„Können Sie nicht wenigstens ein einziges Mal befolgen, was man Ihnen sagt? Sie gehen hier allen mit Ihren Eskapaden ziemlich auf die Nerven!“
Diese Formulierung stammt von mir und ist ein Zitat, denn selbst um 2:37 Uhr habe ich mich noch um eine Wortwahl bemüht, die Brücken für den folgenden Tag zumindest nicht vollständig einreißt.
Herrn Kartmanns Antwort erspare ich der Nachwelt. Meinen Kommentar darauf auch. Eine Freundschaft haben wir fortan nicht mehr angestrebt. Beide.

Siebzehn Stunden später beten alle, dass gleich der Transportdienst kommt und kein Arzt mehr aufhält, was sich jeder wünscht: Herr Kartmann soll zurück „auf Station“. Dass kein Beifall aufbrandet in dem Moment, als sich die Tür hinter ihm schließt, liegt wohl nur daran, dass die Patienten keine Kraft mehr dafür hatten und das Personal weiß, dass der Nächste dieser Sorte schon bald kommen kann.

Und so war es, die Profis ahnten es offenbar. Gegen Mitternacht wird ein 83-Jähriger hereingeschoben, der einen Unfall hatte und nicht weiß, wo er sich befindet. Er muss sehr dringend und verkündet dies alle zehn Sekunden. Alle acht Sekunden antwortet der Pfleger, dass er wegen des Katheters getrost laufen lassen könne (schon wieder so ein Ding ... ich verspreche, es ist das letzte Mal!). Das versteht er aber erkennbar nicht. Er möchte gehen. Man hindert ihn. Er beginnt, um Hilfe zu schreien. Ein Wechsel von „Ich muss pissen“ und „Helfen Sie mir, bitte helfen Sie mir“. Er wird fixiert. Geschrei über mehr als eine Stunde. Begleitet vom rastlosen Klacken der Fesseln, die ihn an der Bettumrandung stoppen. Alle in diesem Raum sind am Anschlag. Wirklich alle. Eigentlich kann hier niemand mehr. Fast nichts. Aber der alte Mann hat Kondition und ganz offensichtlich will man ihn nicht ruhigstellen. Zum Leidwesen von fünf anderen Patienten, die Mordgedanken entwickeln und sich bestraft fühlen, weil sie sich um ein gutes Benehmen bemühen. Eine wirklich schwere Situation.

Irgendwann gibt er auf. Oder sie haben ihm doch was eingeflößt. Ich weiß es nicht. Irgendwann ist Ruhe. So um 3. Für ungefähr zwei Stunden. Dann legt der alte Herr wieder los. Ein Pfleger steht im Saal und sagt uns, dass nur wir als Patienten etwas gegen diesen Irrsinn ausrichten können. Nur eine Patientenbeschwerde wird gehört, die Mitarbeiter haben keine Stimme. Das Blöde ist: Er sagt es in einem Moment, in dem ich keine Vorstellung davon habe, wann ich das jemals schreiben könnte, ohne auszuflippen.

Gerade fällt mir auf ... ich tue es. Vielleicht schicke ich der Klinik den Link ...

Nach zwei der schrecklichsten Tage überhaupt darf ich zurück auf meine Station. Sie heißt Hoffa, nach einem ehemaligen Arzt des Hauses. Raus aus der voll klimatisierten Umgebung des „Intermediate Care“ (kurz IMC), hinein in mein stickiges Stationszimmer. Und doch irgendwie ins Paradies.

Noch am selben Nachmittag besucht mich ein Therapeut für eine Lymphdrainage. Ohne es zu wissen, streichelt er mir nicht nur das Bein, sondern auch die Seele. Und nur wenig später kommen Physiotherapeuten. Zwei junge Leute, deren Vater ich sein könnte. Die Frau lächelt bei allem, was sie tut und das fällt deshalb so auf, weil es davon in den Tagen davor so wenig gab. Der Mann passt auf, ist als Auffänger dabei, falls ich wegsacke. Aber nur dies eine Mal.

Sie ist es auch, die mich die nächsten Tage begleitet, wenn ich wieder laufen lerne. Erst mit dem Gehwagen, dann mit den Stützen, deren Krücke ich nun bin. Folgt mir geduldig durch die Flure, legt sogar bei einem Schritt ihre Hand unter meinen Fuß. Denn ich habe eine Teilbelastung von zwanzig Kilo für das operierte Bein, mehr darf ich nicht auftreten. Sechs verdammte Wochen lang. Und wenn ihre Hand drunter sei, so sagte sie, dürfe es ihr nicht wehtun. Wie könnte ich das, ihr wehtun? Also setze ich den Fuß auf, als bliebe selbst ein Knäckebrot unversehrt. An ihre Hand sollte ich mich die nächsten Wochen immer wieder erinnern.

Wir lernen zusammen Treppensteigen. Was ich von der Operation vor sieben Jahren schon kannte, aber bei dem Lächeln ließ ich es mir gerne noch einmal ausführlich erklären. Klingt wie flirten, richtig? Ja, ein bisschen. Für zwanzig Minuten am Tag. Doch es gibt wenig Freuden wie diese und so fand ich es angemessen, wenn es der Heilung dient.

Einen hab ich noch gar nicht erwähnt. Vielleicht, weil ich mir den wirklichen Glücksfall für den Schluss meiner Bonner Schilderungen aufbewahrt habe. Es ist Tim (Name natürlich wieder geändert), ein 18-jähriger Bursche, den ein Sportunfall in die Klinik führte. Über Medizinisches wird konsequent geschwiegen, nur so viel: Er bekam Spritzen, deren Einzelpreis im vierstelligen Bereich lag. Als er zum Abschied mit einem Paket im Wert von 70.000 Euro zur Selbstinjektion aus dem Zimmer marschierte, da kam er sich selbst vor wie ein Drogenkurier.

Danken muss und möchte ihm für seine unkomplizierte Art, wir hatten fünf Tage eine Wohngemeinschaft ohne jede Schwierigkeit, mit höchst anregenden Gesprächen. Die mir auch gezeigt haben, wie wenig ich in der letzten Zeit mit der Welt von Menschen unter 20 Berührung hatte. Der Spruch, den ich auf ewig mit ihm verbinden werde, kam, als er vom potenziellen Besuch seiner Großmutter erzählte und dem, was sie wohl an Futter mitbringen würde. Da fragte er: „Kennst du den Unterschied zwischen Essen bei Oma und All-you-can-eat?“ Ich verneinte. „Na, bei All-you-can-eat entscheidest du selbst, wann du aufhörst!“

Der Professor machte bei einer Visite den Vorschlag, ich könne nach dem Krankenhaus erst einmal sechs Wochen nach Hause gehen und dann die Reha mit Vollbelastung beginnen, dann also, wenn ich den Fuß zumindest in der Theorie wieder voll aufsetzen darf. Ich bin, heute erst recht, mehr als froh, dass ich opponierte und auch unter Teilbelastung den Weg in die nächste Klinik antreten durfte.

Das übrigens ohne funktionierende Brille, weil sich bei dem zwischenzeitlichen Aus- und Rücktausch von Hirn und Watte irgendwie die Sehschärfe verstellt hat. Was bei der Fahrt im Auto von Papa (Name ausnahmsweise mal nicht geändert) dadurch auffiel, dass ich keine Schilder lesen konnte.

Und so rollte ich am 7. Juni um die Mittagszeit auf den Parkplatz der Rhein-Sieg-Klinik in Nümbrecht. In eine andere Welt. Nach dem Erhalt des Zimmerschlüssels ist die erste Amtshandlung das Anbringen des Motto-Schildes an der Tür des Zimmers 388: „Das Leben geht weiter – auch wenn’s humpelt!“

Der erste Tag ist reine Begutachtung. Eine Ärztin schaut, was ich mitbringe an Voraussetzungen ... und so manches Mal sehr verwundert. Ja, zum Heben des Beines auf die Liege braucht der Neue die Hände unterm Oberschenkel. Ja, von so einem seltsamen Krampf-Syndrom hat sie noch nie gehört (was ich, ganz am Rande, sogar verstehen kann, aber das hätte sie ja auch als Ansporn nehmen können, sich schlauzumachen). Ja, eine Teilbelastung hat er auch noch ... wie soll da nur ein Erfolg draus werden?

Später am Tag schaut eine Physiotherapeutin auf meinen desolat scheinenden Leib und dokumentiert alles für die weiteren Wochen. Heute nur Bestandsaufnahme. Und immer wieder die Frage: „Auf welcher Stufe der Skala von 1 bis 10 schätzen Sie Ihre Schmerzen ein?“ Ich biete eine 4 bis 5. Die Augenbraue der Fachkraft bewegt sich nur Millimeter. Sie ist sehr nett, packt aber nicht zu, wie ich die Termine danach noch bemerken sollte.

Vor ziemlich genau sieben Jahren verfasste ich eine Art Zusammenfassung meiner damaligen Reha-Zeit in Engelskirchen. Ich nannte sie „Aus dem Reich der Gehstützen“. Seinerzeit beschäftigte ich mich vor allem mit der Art von Menschen, denen man da begegnet. Was angesichts der Tatsache, dass so eine Reha-Klinik den kompletten Querschnitt der Gesellschaft anbietet, gar nicht so leicht war.

Damals wie heute ist eines in der Reha gleich geblieben: Sei extrem vorsichtig, wem du dein Ohr schenkst! Es könnte verbraucht sein. Abgequatscht. Wortversifft. Weggeheult. Die Bereitschaft von deutlich mehr als achtzig Prozent der Patienten, in kürzester Zeit eine komplette Leidensgeschichte zu übertragen, ist ungebrochen groß. Wirklich interessant waren für mich die, die innerhalb der ersten fünf Minuten auch von etwas anderem als dem reden, was sie in die Klinik geführt hat. Oder die mit kleinen Scherzen andeuten, dass sie gewillt sind, ihre Lage wenigstens zwischendurch als ok zu akzeptieren. Oder ganz allgemein: Die auch Positives sehen können.

Was ebenfalls immer wieder auffällt: Erfahrung zählt! Bei zufälligen Begegnungen im Aufzug wird, sofern ein Gespräch entsteht, erst einmal abgeklopft.
„Wie lange sind Sie schon hier?“
„Gehe jetzt in meine zweite Woche. Und Sie?“
(Auf der Stirn des alten Hasen erscheint die Einblendung ‚Ach wie süß!‘)
„Vier.“
(Entsetzen auf der Novizen-Stirn)
„Was? V I E R Wochen? Weshalb denn so lang?“

Und zack, ohne es groß bemerkt zu haben, ist das Opfer in die Falle des Fragenden getappt. Der Wassergymnastik-Veteran, der Profi aus der Theraband-Gruppe, dieser schon allen Therapeuten bekannte Altinternationale der Wirbelsäulengymnastik schüttet sein Füllhorn über dem Neuling aus. Mit ein bisschen Pech noch bevor sich die Aufzugtür wieder geöffnet hat. Der Erfahrene kennt die besten Ärzte des Hauses, die besten Therapeutinnen, warnt gerne vor denen, die keine Ahnung haben, empfiehlt sogar das wertvollste Stück der Kuchenauswahl in der Cafeteria. Weil er halt Durchblick hat. Bei allem. Die Anzahl der Wochen des Aufenthalts ist so ein bisschen wie „Wer hat den längsten?“ Und bevor da Zweifel aufkommen ... Frauen sind hier genauso am Start!


Und schon bald an dieser Stelle Teil 2, weiter aus der Reha-Klinik in Nümbrecht!


















Foto: Christian Steinkrüger

Wie verfasst man seine Erlebnisse aus zehn Tagen Krankenhaus und sechs Wochen Reha, ohne sie wie eine Leidensgeschichte aussehen zu lassen? Am besten mit etwas Distanz und Humor. Denn vor wie nach der OP ist klar:

Das Leben geht weiter ... auch wenn‘s humpelt  -  Teil 1