Gute Barkeeper erkennen schon aus der Ferne die Trinkgewohnheiten ihrer Gäste. Da können Sie drauf wetten. Oder auch nicht.

Jessie nahm Kurs auf den gesichtsgebräunten Herrn mit dem Rollkragenpulli. Bei der Begrüßung fiel ihr die unter dem Ärmel hervorguckende Freundschaftskordel auf. Kein Vorwand in Sicht, noch einmal bei Bodo ihren Tipp korrigieren zu können.
„Was darf ich Ihnen bringen?“
„Red Snapper, aber mit einem zusätzlichen Spritzer Tabasco, ja?“
Jessie atmete erleichtert auf.
„Selbstverständlich der Herr!“
Gelassen schlenderte sie zurück. Noch keine Punkte an diesem Abend.
„Einen Schnapper mit extra Schuss, Bodo.“
Er verzog das Gesicht, als hätte er die feurige Essenz gerade probiert.
„Is nich wahr!“
„Petry-Riemchen ... hab ich auch nicht gesehen von hier.“
„Ah, ok, das erklärt’s.“

Es gab Tage, da ging das Spiel ohne Treffer aus. Entweder versagte ihre Menschenkenntnis, oder die Gäste hielten sich einfach nicht an die ihnen zugedachten Eigenschaften. Bodo und Jessie diskutierten viel während der Zeiten, in denen nur noch bedröhnte Nachtschwärmer die Theke vor dem Kippen zu retten versuchen. Sie waren sich einig, dass die Unpersönlichkeit einer Hotelkette die Leute transformiert. Es braucht bestimmte Orte für bestimmte Dinge und wer ausschließlich im Flugzeug Tomatensaft trinkt, isst auch nur hier ein Rührei. Und trotzdem kann man sie am Getränk erkennen. Oder umgekehrt. Eben, wenn sie aussehen wie ein ganz spezieller Drink. Angefangen hat alles mit einer älteren Lady. Sie bestellte damals einen Old Fashioned und stürzte ihn ohne jede Damenhaftigkeit hinunter. Die beiden Cocktailkirschen fischte sie mit den Fingern aus dem Glas und drapierte sie in eine Schatulle, die offen neben ihr lag.
„Bringen Sie das bitte dem Herrn auf Zimmer 417 und sagen Sie ihm, ich scheiße auf sein Geld“, forderte sie Jessie auf.
Das Brillantarmband machte sich nicht übel zu den Kirschen und Jessie überlegte noch, dem vergeblichen Liebhaber die Rückgabe mit einem Magenbitter zu erleichtern, beließ es aber doch bei der gewünschten Transportleistung. Dafür federte sie die Botschaft von Miss Old Fashioned sprachlich etwas ab.

Seit diesem Vorfall achtete sie mit Bodo auf Habitus und Aussehen der Gäste und versuchte, den Spieß umzudrehen. Mit erstaunlichen Ergebnissen.

Eine Gruppe von sieben Leuten betrat kurz vor Mitternacht die Bar.


...


Liebe Leserin, lieber Leser,

diese Geschichte ist eine von 32 Hotel-Geschichten, die in einer Anthologie des Schreib-Lust-Verlages im Mai 2013 veröffentlicht wurden (Herausgeberin Kerstin Schneider-Seuser). Sie erhalten „Unter fremden Decken“ im Buchhandel oder können es online bestellen.



Jeder Mensch lässt sich alkoholisch einordnen. Jeder! Davon war Jessie überzeugt. Und Bodo glaubte ihr. Seit anderthalb Jahren bestand ihr gemeinsames Ziel darin, Gäste zu begleiten, die genau wie sie selbst hier an dieser Theke gestrandet waren. Bloß gegenüber. Begleiten auf Wegen durch Tage und Nächte, ebenso wie durch Freude und Kummer und was es sonst noch an Emotionen gibt, die man mit Wodka, Rum oder Gin einrahmen kann.
„Tisch vier neu. Setze auf Martini“, raunte Jessie im Vorbeigehen.
„Niemals! So weit hast du selten daneben gelegen. Tausendprozentig ein Tequila Sunrise. Ich halte dagegen.“ Bodo schlug Kaffeesatz in den Mülleimer und lächelte wissend.

Der Wettbewerb in der Sunset Bar tobte seit Wochen, jedoch ohne dass ein Gast jemals etwas davon mitbekam. Hinter der Fassade aus Lächeln und Diskretion flogen die Schlagwörter hin und her. Wer zu Beginn einer Schicht die Weizengläser polierte, zierte am Vorabend die Verliererseite.

„Du bläst dich ganz schön auf. Nach dem Desaster gestern würd’ ich an deiner Stelle mal kleine Brötchen backen.“
Er blickte sie mitleidig an. „Glück, du hattest nichts als Glück.“

Foto: Schreib-Lust-Verlag

Zorro trägt gestreift