Ganz am Schluss meines sehr persönlichen Rückblicks 2016 schrieb ich den folgenden Satz: „Wenn das Jahr 2017 normaler läuft als 2016, dann werde ich wohl wieder einen gewohnten Rückblick schreiben.“ Nun ... es hat nicht geklappt, das gleich vorweg.


Hintergrund meiner seinerzeitigen Ankündigung war der Gedanke, dass die hoffentlich weniger präsenten Depressionen eine Rückkehr zur Normalität ermöglichen. Das mit „weniger Depressionen“ hat funktioniert, zum Glück, aber es bleibt leider doch nur das Fazit, dass so etwas wie Normalität wohl nicht mehr zu haben sein wird. Wie auch, wenn es einen amerikanischen Vorturner gibt wie den derzeitigen. Dass ich ihm gleich in der Einleitung überhaupt erlaube, in eben jener vorzukommen, hat nur einen einzigen Grund: Er wird in allen anderen Zeilen bis zum Ende dieses Rückblicks keine Erwähnung mehr finden. Das muss so sein, weil ich mich sonst in jedem zweiten Absatz über ihn aufregen müsste und diese Aufmerksamkeit hat er einfach nicht verdient. Das unpräsidialste, unempathischste, narzisstischste und unintelligenteste Trampeltier aller Zeiten spielt ab dem nächsten Satz also keine Rolle mehr.


Ähnlich verfährt diese Jahresrückschau übrigens mit der vorgeblichen Deutschland-Alternative. Es gäbe mannigfaltig Möglichkeiten, sich mit deren Tun auseinanderzusetzen, aber was bliebe dann noch an Platz für Dinge, die wirklich wichtig sind? Mit in den Sack, auf den draufzuhauen immer lohnt, kommen die grassierende Einhorn-Seuche, die fraglos suchtbringenden, aber komplett nutzlosen Fidget-Spinner, der Song „Despacito“ mit allen Dialekt-Varianten im Deutschen und das Wissen, dass Leggins für Männer Meggins heißen. Hab ich noch was vergessen? Ach, natürlich, das Foto des Jahres. Eigentlich unspektakulär. Es ist die Bahn 8 des Golfplatzes Siegen/Olpe in Wenden, ein 473 Meter langes Par 5. Die Besonderheit des Bildes besteht darin, dass es das erste Foto ist, das ich jemals mit einem Smartphone geschossen habe. Mehr zu dieser „Sensation“ dann im August. Steige ich besser mal ein ins Jahresgeschehen, dem Mix aus Welt und Pfeffer-Kosmos.


Januar


Mit großem Tamtam eröffnet am elften Tag des Jahres die Elbphilharmonie in Hamburg, sozusagen die Elphi am elften. Das Bauwerk ist ein prachtvolles und die Berichterstattung von außen und innen lässt ahnen, dass es sich lohnen wird, sich das einmal anzusehen, wenn ab dem Herbst 2024 wieder Karten dafür zu bekommen sein werden.


Ich mache mir einen Erinnerungszettel parat, der mir Mitte 2019 hilft, mich um Tickets zu bemühen, wenn die Online-Schlangen wieder kürzer geworden sind. Aber unabhängig von diesem Hype empfinde ich die Eröffnung als etwas Hoffnungsspendendes. Die zukünftigen Betreiber des Berliner Flughafens, des Stuttgarter Bahnhofs, der Kölner Oper oder der Leverkusener Brücke dürften in den Bildern einer menschendurchströmten Philharmonie ein Licht am Ende des Tunnels sehen. Nur noch wenige Jahre Baupfusch und Fehlplanung und schon ist geschafft. Die Dankesbriefe der Generation Y in Sachen Kostenexplosion und Schuldentilgung sind übrigens bereits gedruckt. Man kann sie mehrfach verwenden, das Datum kann mit Zitronentinte immer wieder neu eingesetzt werden.


Wie stets ist es die Sonne Südtirols, die dem Grau der rheinischen Tiefebene als Gegengewicht die Stirn bietet. Und doch ist etwas grundlegend anders. Zum ersten Mal, seit wir 1997 hergekommen sind, ist es möglich, auf die Hochwiese des Langentals zu spazieren und sich dabei staubige Schuhe zu holen. Nur einige wenige versprengte Schneehäufchen liegen abseits der Wege in geschützten Mulden, ansonsten sieht man weiße Unterlage nur in künstlicher Form auf den Pisten für die Skihasen. Die Temperaturen liegen in der ersten Woche im deutlichen Plus-Bereich, zum Glück bringt die zweite dann auch die Flocken wieder zurück ins Grödner-Tal.


Ende des Monats treffe ich mich mit jemand, der mich zu meinen Erfahrungen mit den Depressionen befragen möchte. Es gehört zu den besonderen Momenten, aus dieser Position heraus über Vergangenes zu sprechen und dabei zu merken, dass beileibe nicht alles abgeschlossen ist. Was mich im Laufe des Jahres noch einholen wird, aber dazu später. Auch ist zu merken, dass es offensichtlich eines auslösenden Tiefpunktes bedarf, um wirklich in Bewegung zu geraten. Bei meinem Gegenüber war er noch nicht erreicht und es ist kein schönes Gefühl zu wissen, dass ihm das noch bevorsteht.


Februar


Um gleich im Thema zu bleiben, verschiebe ich die Reihenfolge für diesen Monat ein wenig. Denn es war der Besuch in Kassel am Ende des Februar, der irgendwie eine Prüfung war und dann doch auch wieder nicht. Die Prüfung dauerte rund 30 Sekunden und fand direkt am Bahnhof statt. Als ich aus der Halle auf den Vorplatz trat, links hinauf zum Herkules blickte, der über der Stadt thront, da sackte mir ob der Erinnerungen an exakt ein Jahr zuvor das Herz in die Hose. Ich zweifelte, ob es richtig war, hierher zurückzukehren. Doch nur eine halbe Minute lang. Schon am Nachmittag war all das verflogen. Im Foyer der Habichtswaldklinik sitzend, fühlte es sich richtig an, an den Ort der Veränderung zurückzukehren, hier, wo die Gesundung ihren Anfang nahm. Am Abend mischte ich mich mit einer Mitpatientin von einst unter die Tanzenden bei Frau Fiedler. Die alte Dame von immerhin 86 Jahren bietet zwei Mal pro Woche den Patienten einen Bewegungsabend zu Musik an. Obwohl wir keine Patienten mehr waren, gehörten wir an diesem Abend wieder dazu. Mittendrin und doch zum Glück nur dabei. Ob ich noch einmal hierher kommen muss (oder möchte), das weiß ich derzeit noch nicht.


Peter Glass, mein Godfather of Storytelling, jener Mann, der mir das Geschichtenerzählen beibrachte, stand höchstselbst auf der Bühne. „Sherifa, die keinen Ärger kannte“ war das Werk, dass er seinen gebannten Zuhörern präsentierte und es war wie der freudvolle „Rückfall“ in die Zeit der Erzählausbildung. Nichts ist von der Faszination verloren gegangen, im Gegenteil, das Eintauchen in eine Handlung ist lebendiger denn je. Einfach ein Fest, ihm mal wieder etwas länger zuzuhören. Und es bestärkte noch etwas anderes.


Denn am 3. Februar fand das statt, was man wohl eine Weichenstellung nennt. Leslie Sternenfeld aus Witten kenne ich, wie ich selbst nachschlagen musste, schon seit November 2011. Heute fühlte es sich an, als seien es schon Jahrzehnte. Wir waren uns bei einem Lektorat über den Weg gelaufen, eine seiner Geschichten hatte es in ein Buch des Schreib-Lust Verlages mit Stories zum Ruhrgebiet geschafft. Aus dem anfangs losen Kontakt ist eine Freundschaft geworden und nun noch mehr. Denn an eben jenem Tag im Februar fiel der Entschluss, gemeinsam etwas auf die Bühne zu bringen. Fast zwei Jahre waren da vergangen, seit ich 2015 meinen bis dahin letzten Auftritt in Bochum hatte. Und nun die Aussicht auf ein neues Projekt. Das gemeinsame Ziel wurde ausgesprochen und doch auch erst einmal behutsam beiseitegelegt. Als ob man ihm, bevor man es weiter gießen möchte, erst noch eine Weile beim „Anwachsen“ zusieht.


März


Als hätte man das Sommerloch in den März verlegt, platz die Historische Deutsche Schützenbrüderschaft aus Leverkusen mit der Meldung in die Weltöffentlichkeit, dass bei ihnen künftig auch Homosexuelle und Muslime mitmachen dürfen. Die Nachricht überrascht insoweit, als es überhaupt einer Regelung dafür bedarf, weil es vorher nicht so war. Und man(n) fragt sich zunächst, warum? Aber durch den Leitsatz „Für Glaube, Sitte und Heimat“ wird dann doch wieder Vieles klarer. Bleibt noch eine Kleinigkeit zu tun, aber die Chancen stehen gut, dass man(n) sich bald auch für Frauen als gesellschaftliche Randgruppe öffnen wird. (Ironie-Modus AUS)


Am 11. März wurde es dunkel. Nicht zu einer Sonnenfinsternis, sondern im Konzertsaal in der Comedia in Köln. Bei der  „Blind Audition“ wird ohne Scheinwerfer gesungen (und auch musiziert, was echt beeindruckt) und das mit voller Absicht. Nur die brandschutztechnisch vorgeschriebenen Notausgangslämpchen glimmen vor sich hin. Die Idee des Konzepts ist, dass die Zuschauer sich ohne Ablenkung der Optik ganz auf das Hören der Singstimmen konzentrieren sollen. Mal treten vier Männer an, mal vier Frauen. Jede Person singt drei Liedchen am Stück, dann folgt eine Pause. Am Ende werde die Vier dann noch mal bei Licht gezeigt und das Publikum ist gefordert, ein Votum abzugeben, wem die erste Stimme gehört, wem die zweite, dritte und vierte. Nur wenige liegen bei diesen Tipps richtig, aber die können dann auch tolle Preise gewinnen. Insgesamt eine wirklich schöne Veranstaltung.


Seit dem 24. März weiß ich, was sich ungefähr so anhört wie ein gespannter Draht, der zerschnitten wird: Es ist eine Muskelfaser, die reißt. Um kurz nach 6 Uhr jagt mich leidlich ein Krampf aus dem Bett. Der Versuch, ihn wegzudehnen, endet in diesem Riss. Bis heute überlege ich allerdings, was schlimmer war: der Riss oder die lange Spritze, die ich zur Beschleunigung der Heilung zweimal in die Wade bekam.


April


Der 6. April hält mein musikalisches Highlight des Jahres bereit. Jan Böhmermann, über den ich insgesamt eher kritisch denke, präsentiert den Song „Menschen, Leben, Tanzen, Welt“, dessen Text aus zufällig von zwei Zoo-Schimpansen gezogenen Worten besteht. Dass ein Lied dieser „Bauart“ drei Wochen auf Platz 10 der Single-Charts stehen kann, sagt viel über die Qualität deutscher Songtexte. Die Persiflage ist dafür so gut, dass die Primaten sich möglichst bald auch an Buchtexten versuchen sollten. Das Schwierige ist, dass sie ständig die Wortpapierchen futtern, mit denen sie dichten sollen. Da muss man irgendwie noch auf einen Drucker-Toner setzen, der weniger nach Banane riecht.


Nur ein paar Tage später geht das Leben in eine ganz andere Richtung. Zum dritten Mal in der Zeit unserer Hausgemeinschaft sitzt selbige in einem der Trauerfeier-Räume bei Pütz-Roth in Bergisch Gladbach, weil wir einen langjährigen Weggefährten verabschieden müssen. Horst Bender hatte noch im Jahr zuvor vom Balkon aus ein bisschen am Straßen-Sommerfest teilgenommen, als wir ihm Grillgut und Kölsch hoch brachten. Er hatte seinen Platz in unserer Mitte und so auch in diesem Rückblick.


Am Ostersonntag wurde Silberhochzeit gefeiert. Ein Vierteljahrhundert vorher hatte Ursula mit meinem Papa Ja zum jeweils zweiten Eheversuch gesagt. Angesichts vorheriger Erfahrungen ein verwegener Gedanke und doch, wie sich nun zeigt, eine höchst stabile Angelegenheit. Mich freut dieses Jubiläum derart, dass ich auf der Marksburg oberhalb von Braubach die Kishon-Geschichte „Chamsin und Silberrausch“ zum Besten gebe. Papa gibt mir außerdem eine Steilvorlage, ihn beim Kacken von Korinthen zu überbieten. Er rechnete für die Zahl der Tage von Hochzeit bis Silberhochzeit einfach 25 x 365. Die sechs mehr, die es waren, schmier ich ihm genüsslich auf die Beamtenstulle.


Der Monat endet an der Alster. In der Leitz-Halle tritt der Hamburger Polizeichor auf. Diesmal hat er sich Gästinnen eingeladen, die Kolleginnen aus Köln stimmten mit ein. Ihr „Solo“ bestritten sie mit „Dat Wasser vun Kölle“. Barbara und ich waren wohl die Einzigen, die im Publikum Textsicherheit ausstrahlten.


Mai


Nach dem Frühling 2016, der der erste seit 35 Jahren ohne Heuschnupfen gewesen ist, hatte ich mich gefragt, wie sein Nachfolger 2017 wohl werden würde. Nun, nicht ganz so beschwerdefrei, vereinzelte Niesattacken, aber immer noch kein Vergleich zu all den Jahren davor. Es wird zu beobachten sein, wie es an dieser „Front“ weitergeht. Spannend allemal.


Nicht weniger nervenaufreibend ist es, wenn man versucht, ein funktionierendes Navi im eigenen Auto auf den neuesten Stand zu bringen. Die SD-Karte ist leicht entnommen, noch leichter formatiert. Dann die Daten wieder drauf zu bekommen, bei denen sich außer einem neuen Kreisverkehr in der Dordogne und einer jetzt beampelten Kreuzung im Westen Polens kaum etwas geändert hat, das hingegen ist ein Kraftakt. Den letztlich nur die Autowerkstatt hinbekommen hat ... nachdem ich fünf Mal dort war und den Satz sagte „Ich hätte doch gerne nur ...“. Meine Empfehlung an alle Lesenden dieser Rückschau lautet: Bleibt lieber veraltet und fahrt mit einem gewissen Vertrauen in eure Orientierungskünste. Allemal besser als überzogene Gier nach einem Update.


Am 23. Mai stirbt mein Lieblings-Bond. Roger Moore ermittelt jetzt auf der anderen Seite. Ich mochte seine lakonische Art, die Filmfigur zu interpretieren. Die damalige Art, launige Dialoge mit Action zu kombinieren, lag mir wesentlich mehr als die heutigen Dauer-Explosionen bei chronisch grimmig dreinschauendem Doppelnull-Agenten.


Die letzten Mai-Tage verbringen wir an der Ostsee. Das Örtchen Schönberger Strand unweit der Kieler Förde hielten wir für das Domizil, dass uns nach dem verregneten Niederbayern-Urlaub 2016 ausreichend frische Luft und Ruhe bieten sollte. Selten haben wir weiter neben der Erwartung gelegen. Wie es ausging, das steht unten im Juni.


Ob man das mit den Erwartungsverfehlungen auch vom Machtwechsel in Nordrhein-Westfalen sagen kann? Es wurde mal wieder ein schwarz-gelbes Intermezzo gewählt. Der dennoch vollkommen farblose neue Ministerpräsident ist mir im Verlauf des restlichen Jahres praktisch nicht mehr unter die Augen gekommen. Liegt das an meinem Nachrichtenkonsum oder an eben jener „dezenten Erscheinung“?


Juni


Nach zehn Tagen Lärm im Haus an der Ostsee, mal durch die chinesische Imbiss-Station im Erdgeschoss, mal durch die Bauarbeiten direkt in der Wohnung unter uns, haben wir aufgegeben, den Urlaub abgebrochen. Und uns daheim die Frage gestellt, warum wir überhaupt wegfahren. Es ist mir ein Rätsel, wie andere dort vor Ort, die unter demselben Dach wohnten, ihre Zeit als Erholung empfinden konnten. Die Erlebnisse wirken immer noch nach ...


Schon wieder ein historischer Trauerfall. Diesmal Helmut Kohl. Die Reaktionen in der Öffentlichkeit und den Netzwerken sind zutiefst gespalten, wohl vor allem, weil seine fraglosen Verdienste um die deutsche Wiedervereinigung von den Parteispenden-Nachrichten und der Tatsache überlagert werden, dass er ein Versprechen seinerseits höher gewichtete als seine Verpflichtung für Recht und Gesetz des Staates, den er einst lenkte. Mir, der ich auch einen Eid auf die Verfassung abgelegt habe, fällt es extrem schwer, diese innere Haltung zu akzeptieren. Nein, es ist mir unmöglich ...


Fünfzehn Jahre waren wir unserem ersten Hausverwalter treu, dann hat sich die Zahl der Unzufriedenheiten so aufgestaut, dass wir einen neuen suchten. Der Verwaltungsbeirat nahm sich ausreichend Zeit dafür und wir landeten bei einem hier aus Bergisch Gladbach. Der packt seither viele Dinge anders an und die erste Eigentümerversammlung unter neuer Leitung am 27. Juni war ... erfreulich unspektakulär.


Der 23. Juni hingegen war spektakulär. Es werden einige Minuten gewesen sein, die Leslie Sternenfeld und ich unter Atemnot litten. Bei der Suche nach einem Titel für unser Bühnenprogramm verfielen wir der Idee, einem beliebigen Wort, das mit einem Vokal beginnt, ein F voranzustellen. So wird beispielsweise aus dem Einblick ein Feinblick. Manche Worte, die auf diese Weise entstehen, sind derart entrückt, dass sie Lungenkrämpfe und Flüssigkeitsverlust über die Augen bescheren. Aus Gründen der Diskretion muss ich an dieser Stelle über den Hauptauslöser schweigen, lade aber alle Leserinnen und Leser herzlich ein, diese Strategie einmal auszuprobieren. Wer schlechte Laune hat, der blödelt ein wenig und schon ist sie verschwunden. Überhaupt geht von den Treffen mit meinem Künstlerkollegen und Freund aus Witten eine derart positive Energie aus, wie ich sie schon lange nicht mehr gespürt habe. Prädikat: Extrem wertvoll!


Apropos ... am 24. Juni wollte ich in der Metzgerei ein paar Poutenrouladen kaufen. Daraus wurde eine kleine Alltagsanekdote, die ich auf meiner Gepfeffertes-Seite in Facebook postete. Mit 1.341 erreichten Personen der mit weitem Abstand erfolgreichste Beitrag auf dieser Plattform. Wer will, der kann das unter diesem Datum heute immer noch nachlesen.


Juli


Eine Weile werde ich die Phase von zwei bis drei Wochen, die mir widerfuhr, als Rückfall bezeichnen, später wechsele ich zum Ausdruck der „Ehrenrunde“. Zum ersten Mal seit Ende 2015 / Anfang 2016 steige ich noch einmal richtig hinunter in den Depressionskeller und schaue nach, ob dort für mich noch etwas zu erledigen liegt. Auslöser ist meine Auseinandersetzung mit der Zeit, die ich nun schon in Behandlung verbringe. Es sind gute zwei Jahre. Ein „Mehr“ vermochte ich noch nicht zu akzeptieren. Nach Abschluss der Ehrenrunde kann ich es.


Was ließe sich alles über den G 20 – Gipfel in Hamburg schreiben? Unmengen, wie es auch die Zeitungen und Internetredaktionen getan haben. Kriegsähnliche Zustände schienen es zu sein, die sich da rund um ein Politiker-Treffen abspielten, jedenfalls ließen die Bilder kaum einen anderen Rückschluss zu. In mir wurde der Wunsch wach, solche Zusammenkünfte demnächst in Vogelschutz-Reservaten abzuhalten, bei denen die Beteiligten auf die Natur Rücksicht nehmen müssten, wie sie es auch bei ihrer Verantwortung für unsere Erde tun sollten. Falls es Belege dafür brauchte, wie unsinnig es ist, derlei Meetings in bestens erreichbaren Metropolen abzuhalten ... in Hamburg wurden sie geliefert.


Ein Unglück kommt ja selten allein. Am 30. Juli hat die Kölner Rheinseilbahn erstmals einen Unfall. Nichts überbordend Dramatisches, aber doch müssen etliche Fahrgäste aus luftiger Höhe gerettet werden, verletzt wird niemand. Jerry Lewis ist am 20. Juli gestorben, der Großmeister an der imaginären Schreibmaschine wird immer seinen Platz in der Hitliste der Komik haben.


Und noch ein Abschied wurde notwendig, diesmal aber von einer unbelebten Sache. Ich schätze mein Lebensalter auf 8 oder 9, da erwarb ich vom Taschengeld in einem unterfränkischen Drogeriemarkt einen blau-melierten Zahnputzbecher. Mehr als vier Jahrzehnte leistete er treu seinen dentalen Unterstützungsdienst, als er eines Tages beim Trockenwischen unerfreulich knackte. Es blieb nichts anderes übrig, als ihn in den Zahnputzbecher-Himmel zu entlassen. Der Nachfolger ist weiß-meliert. Wenn er eine ähnliche Lebensdauer erreicht, wird es mein letzter sein ...


Gab es auch Positives im Juli? Ja doch ... der 21. markiert jenen Tag, an dem Partnerlausch geboren wurde. Leslie Sternenfeld ist als Solo-Künstler unterwegs, ich war es bislang, es war also notwendig und sinnvoll, uns als Duo einen neuen Namen zu geben. Wie bei der Suche nach dem Titel des Programms gab es verschiedenste Ansätze, einen Namen zu finden. Uns gefiel der mit der Doppeldeutigkeit am besten und so erschien Partnerlausch als neuer, noch sehr kleiner Stern am Künstlerhimmel. Allerdings noch von der Öffentlichkeit unbeobachtet.


August


Ein Monat sehr gespaltener Gefühle und mit meinem persönlichen Älterwerden hatte das diesmal gar nichts zu tun. Absolut im Gegenteil. Am Tag vor meinem Geburtstag war es wieder einmal der Weg zu Pütz-Roth in Bergisch Gladbach, den ich und zahlreiche andere antraten. Mit Siegfried Pusch war einer gegangen, den eine unübersehbare große Menschenmenge einfach mochte. Und wenn ich schreibe „war einer gegagen“, dann ist das falsch. Sigi wollte nicht gehen, er musste, weil eine Krankheit tatsächlich stärker war als er. Und auch wieder nicht, denn in den Jahren davor, in denen sie ihn schon beschäftigte, begegnete er dem zu erwartenden Tod mit einer bemerkenswerten Offenheit. Wann immer wir uns trafen, erlebte ich ihn als trotzdem noch positiven Geist, der selbst bei dieser Ausweglosigkeit noch lebenswerte Dinge zu sehen vermochte. Sollte ich je in eine ähnliche Situation kommen, wird er mir Vorbild sein. Lieber Sigi, wenn Du das hier aus einem anderen Universum liest ... auch wenn wir uns selten gesehen haben, Du bist mir immer noch nah.


An dieser Stelle fällt es schwer, den Bogen zu einem profanen Thema zu schlagen. Für die meisten ist es seit Jahren eine Selbstverständlichkeit, für mich war es nun der Schritt in eine neue Welt. 2000, als meine Liebste und ich eine Immobilie erwarben, hielten wir es für erforderlich, der schnurgebundenen Erreichbarkeit eine schnurlose hinzuzufügen. Ein erstes Handy wurde gekauft, damals noch ein regelrechter Sprechknochen. Viele Jahre später, als er schon fast eine Antiquität war, ersetzte ich ihn durch eine neue, kaufte ein Seniorenhandy mit extra großen Tasten. Es war mir genug, mir fehlte es an Nichts. Die Urlaubszeiten genoss ich als Zeiten fehlender Erreichbarkeit, wenn etwas im Netz nachgesehen werden musste, dann fand sich eine öffentliche Bücherei, ein Tourismus-Büro, irgendwas in der Richtung. Und die Vermieterin unserer Ferienwohnung in Südtirol ließ mich all die Jahre an ihren Rechner, wenn ich doch mal eine Glückwunsch-Post per Mail absetzen wollte. Dafür, liebe Frau Perathoner, gebührt Ihnen ein gewaltiges Dankeschön!!


Und doch sollte sie nun vorbei sein, die Zeit der großen Tasten, des dreimaligen Drückens, wenn man ein F schreiben wollte. Gefühlt nur noch fünf Dutzend Menschen sind aktuell deutschlandweit ohne Smartphone unterwegs, es war also höchste Zeit. Am 18. August stieß ich die Tore in die Welt des Wischens auf. Das Paket mit dem kleinen Gerät kam schon einen Tag zuvor, ich ließ es aber auf dem Tisch liegen, noch fehlte der Mut, es sofort zu öffnen. Und dann ging alles Schritt für Schritt, mal mit Hindernissen, mal ganz simpel. Meine Gattin musste oft auf mich als Gesprächspartner verzichten, die Konfigurationsarbeiten ließen nur wenig Unterbrechung zu. Es erwies sich als echte Aufgabe, fortan in der S-Bahn nicht genauso wie ein Smombie zu sitzen und nur in dieses Ding zu starren.


September


Anknüpfend an die technischen Sensationen des August kommt es am 18. September zu einer Umwandlung im Haushalt Pfeffer. Der 16 Jahre alte Router (O-Ton im Vodafone-Laden: „Mein Gott, Sie haben ja noch einen Arcor-Vertrag!“) wird durch einen WLAN-Router ersetzt. Zur großen Überraschung aller Beteiligten funktioniert das problemlos, nur das heimische ISDN-Telefon muss - nicht minder erstaunlich – durch ein analoges ausgetauscht werden.


Am 8. September füttere ich die Lese-Gemeinde auf Gepfeffertes mit der Info, dass es ein neues Künstler-Duo gibt. Der Name „Partnerlausch“ bleibt da allerdings immer noch geheim, erst muss noch die Domain gesichert werden. Aber weiterhin versprüht die Zusammenarbeit mit Leslie Sternenfeld ihre energetische Wirkung bis in jeden Winkel des Gehirns. Es ist schon erfrischend zu sehen, welches Maß an Kreativität erreicht werden kann, wenn zwei sich derartig ergänzen.


Gerade fällt mir auf, dass ich in diesem Rückblick noch kein einziges Mal das Wort „Golf“ erwähnt habe. Mache ich auch nur kurz, denn außer der weiter grassierenden Freude am Spiel bleibt nur zu sagen, dass ich kurz vor dem Monatsende mit einem phänomenalen Schuss aus gut 135 Metern an Bahn 18 am Clostermannshof in Niederkassel die Grundlage für den einzigen Turniersieg des Sommers gelegt habe. Der Birdie-Putt beim Herrengolf ging zwar daneben, aber jene Annäherung zuvor war mein persönlicher Schlag des Jahres.


Bibiana Steinhaus leitet als erste Frau in der Geschichte der Fußball-Bundesliga am 10. September ein Liga-Spiel. Daran könnten sich die historischen Schützenbrüder mal orientieren (siehe März).


BTW, diese Abkürzung wird im Englischen gerne für „by the way“ verwendet. Hierzulande kann sie aber auch Bundestagswahl bedeuten. Am 24. des Monats fand die statt. Noch am selben Abend formuliert einer aus der Riege der geistig 1933 Stehengebliebenen den Satz „Wir werden sie (Merkel) jagen, wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen.“ Was sagt das eigentlich über den Zustand eines Landes, wenn es möglich ist, mit derlei Schwachsinn bei einer BTW 13 Prozent zu holen. Mir schwant nichts Gutes. Umso wichtiger wäre, mit Energie und Schwung an die Erfüllung der zahlreichen Aufgaben zu gehen, aber bis zum Verfassen dieses Rückblicks wird getan, was ich vorher für undenkbar hielt: Sondiert statt regiert. Die deutsche Fahne ist übrigens immer noch Schwarz-Rot-Gold, der Versuch einer jamaikanischen Abwandlung hat sie unberührt gelassen.


Oktober


Die Regenbogenfahne weht, weithin strahlend und sichtbar. Sie ist auch ein bisschen zum Symbol für die „Ehe für alle“ geworden, die man seit dem 01.10. auch bei uns schließen kann. Während ich diesen Schritt für lange fällig gehalten habe und mich wirklich darüber freue, empfinde ich die Diskussion über weitere Geschlechter als die zwei bekannten als anstrengend und müßig, so sehr ich auch mitfühle bei dem Zwiespalt, in dem jene stecken müssen, die bei keinem richtig aufgehoben sind. Der Gedanke, mehr als zwei verschiedene Varianten von Toiletten anzubieten, erscheint schon aus baulichen Gründen zweifelhaft. Als könne das, was auf dem Örtchen heraus muss, nicht auch in eines der vorhandenen Becken fallen.


Der 3. Oktober markiert nicht nur den deutschen Einheitstag, sondern auch das Ende meines Papierkalenders. Aus zunächst mangelndem Vertrauen zum Smartphone pflegte ich in den Wochen seit Mitte August sowohl die haptische als auch die virtuelle Variante. Doch siehe da, das mit dem Handy-Kalender lief erfreulich gut und so scheint das Buch nun verzichtbar. Umso mehr, als meine Liebste die Aufrüstung elektronischer Art zum 27. Oktober ebenfalls vollzieht. Das Ehepaar Pfeffer hält sich nun zwei Smartphones im Haushalt. Was WhatsApp aus unserer Kommunikation werden lässt, das bleibt abzuwarten. Ich bin aber guter Dinge, dass auch das gesprochene Wort eine Zukunft hat.


Während wir in Niederbayern und im Elsass unsere letzten Ferien für dieses Jahr verbringen, wird daheim nach 16,5 Jahren das Haus frisch angestrichen. Die Schwarzalge, so habe ich gelernt, fühlt sich vor allem über den Fensteröffnungen pudelwohl, wenn aus dem Hausinneren warme Luft entweicht und auf kalte Außenwand trifft. Zumindest für die nächste Zeit dürfte sie dem strahlenden Weiß erst einmal nichts entgegenzusetzen haben. Dass langfristig ihre Wiederansiedlung zu verhindern ist ... wir kennen die Antwort auf diese These schon.


In Berlin wird immer noch sondiert.


November


Anfang des Monats – dies schreibe ich mit einem gewissen Kopfschütteln – erlebte ich den letzten echten Sonnenschein des Jahres. Tatsächlich folgt bis zum Verfassen dieses Rückblicks eine Zeit, in der es im Rheinland nahezu kein direktes Sonnenlicht mehr gibt. Der Dezember wies bis Weihnachten genau drei Stunden auf und diese Phase nahm hier, im November, ihren Anfang. Liegt es auch daran, dass der 1. FC Köln eine Niederlagen-Serie hinlegt, die die Allzeit-Rekorde von Tasmania Berlin in Sachen Bundesliga in Gefahr bringt? Der ehemalige Bern-Weltmeister des FC, Hans Schäfer, stirbt mit etwas über 90 Jahren und muss den erneuten Niedergang seines Clubs nicht mehr bis zum bitteren Schluss verfolgen.


Dass es sogar etwas Dienstliches in diesen Rückblick schafft, das hätte ich gar nicht angenommen, aber die Klausurtagung der Führungskräfte der Bauaufsicht ist ein Ereignis, das es dann doch rechtfertigt. Knappe 30 Personen rotten sich im oberbergischen Nümbrecht zusammen und fühlen sich klimatisch auf den Zahn, ohne allerdings zu schleifen oder zu bohren. Im Gegenteil, die Veranstaltung empfand ich als gewinnbringend, allemal gut für die Atmosphäre untereinander. In achteinhalb Jahren, die ich bei dieser Dienststelle arbeite, die erste Maßnahme dieser Art ... und eine dringend notwendige, wie ich feststelle.


Mein persönlicher Aufreger des Jahres, trotz Twitter-Dauerbeschuss aus dem Weißen Haus und den tumben Sprüchen aus dem rechten Spektrum der deutschen Politiklandschaft, kommt von der Regierungsbank in Berlin. Was erst wie eine Ungeheuerlichkeit aussieht, das entpuppt sich mehr und mehr als feister Vorsatz und wohldosiertes Kalkül. Der Landwirtschaftsminister Schmidt stimmt in Brüssel entgegen der Koalitionsabsprache der fortgesetzten Zulassung von Glyphosat zu, jenem Unkrautvernichter, über den man nichts Positives sagen kann. Das hat er nun mit Herrn Schmidt gemeinsam. Was erst wie eine Kompetenzüberschreitung im Alleingang wirkt, kann nur bewusstes Verhalten gewesen sein. Schmidt dürfte im Hintergrund seine Schäfchen ins Trockene gebracht und seinen ministeriellen Rauswurf einkalkuliert haben (der übrigens bis Jahresende keineswegs erfolgt ist). Die ganzen Geschehnisse rund um diese Zulassung zeigen die Verwobenheit der Chemie-Industrie mit der Politik nur allzu deutlich. Und sie legen erschütternd offen, wie egal es den Handelnden ist, wenn man es sieht.


In Berlin wird übrigens immer noch sondiert.


Dezember


Traditionell ist der Dezember jener Monat, in dem Jahrerückblicker Nöte haben, etwas zu finden, was sie schreiben können. Etwas, das nicht wie „noch aktuell“ aussieht und aus einer gewissen Verzweiflung heraus in die Rückschau gezerrt wird. Doch dieser Monat ist leider ein ganz anderer. Der Reihe nach.


Am 2. Dezember stehe ich mit großer innerer Anspannung das erste Mal seit fast drei Jahren wieder vor Publikum und erzähle. Frei, ohne Text und eine halbe Stunde lang. Auf der Weihnachtsfeier der Golfer von der Betriebssportgemeinschaft der Stadt Köln. Ich darf sagen, dass ich wohl in der Phase meines Tiefs nichts verlernt habe. Die Leute hatten Spaß ... und ich auch.


Gleich am Tag drauf treffe ich Jörg Wesolowski, einen Uhrmachermeister hier aus Bergisch Gladbach. Er hatte mir angeboten, seine Werkstatt zum neuen künstlerischen Basislager meines Erzählens zu machen. Das neue Duo Partnerlausch, das ich mit Leslie Sternenfeld bilde, soll und darf hier auftreten. Wir vereinbaren Termine im März und April 2018 und ich darf sagen, dass es sich von Anfang an, von der ersten Minute an, als ich seine Werkstatt betrat, richtig anfühlte, dort zu sein. Jörg zeigte sich der Kunst gegenüber ausgesprochen offen, was übrigens auch vor Ort bestens sichtbar ist bei den vielen Veranstaltungen, die dort schon gelaufen sind.


Am 15. Dezember legen Leslie und ich die Grundlage für unsere Öffentlichkeitsarbeit. Es entsteht die Webseite partnerlausch.de, wir basteln zusätzlich eine Facebook-Seite. Ein paar Tage lassen wir alles noch ein wenig liegen, schrauben hier noch etwas, schleifen dort, aber am 18. Dezember schießen wir alles in die Welt hinaus. Unsere Facebook-Seite nimmt die Hürde von 100 Abonnenten innerhalb der ersten sechs Stunden, alles findet großen Anklang. Bis Weihnachten gehen bereits Vorreservierungen bei Jörg und mir ein, obwohl der Kartenvorverkauf offiziell erst nach Jörgs Betriebsferien am 4. Januar starten soll.


Ab dem Mittag des ersten Weihnachtsfeiertages dann schlägt das Schicksal mitten hinein, als die weltweit vernetzte Gemeinde auf Facebook entsprechende Neuigkeiten verbreitet. Jörg Wesolowski ist gestorben ... aus dem absoluten Nichts. Die Fassungslosigkeit ist nicht zu greifen, auch bis jetzt nicht, wo ich diese Zeilen schreibe. Keine Chance, um zu verstehen, was passiert ist. In meinem persönlichen Namen, aber auch in dem des Duos Partnerlausch, fühle ich mit der Frau und den Kindern und wünsche ihnen Halt in dieser Zeit.


Meine abschließenden Sätze für dieses Jahr, meine überleitenden in das neue, die ganzen Wünsche für 2018 ... sie waren anders gedacht. Aber nun passen sie nicht mehr.


Es bleibt mir nur zu sagen: Gebt stets auf euch Acht da draußen ... und haltet die Liebe und die Menschlichkeit immer im Auge!


Von Herzen alles Gute

Robert






Das erste Smartphone-Foto ever, Golfplatz GC Siegen-Olpe, Foto: Robert Pfeffer

Jahresrückblick 2017