Gepfeffertes - Sprache gut gewürzt

Es wirkt das Wort in Ohr und Seele

Über Jahre war es mir nicht möglich, ein entspanntes Verhältnis zur Kunst zu entwickeln. Am Ende liegt das ja auch an Leuten wie Cyril. Ist es ihre Art, irgendwie über die Stränge zu schlagen? Vielleicht können sie auch nicht anders.


Cyril


Geschichten-Bild zu CyrilFoto: Robert Pfeffer

„Kunst braucht einen Raum“, sagt Cyril immer. Wenn ich entgegne, dass er sie doch dann auch in seinem Zimmer machen könne, runzelt er nur die Stirn.

Ich lebe mit ihm jetzt seit ein paar Jahren zusammen. Es ist eine Zweckgemeinschaft. Aber eine mit Anflügen von Liebe. Nicht körperlich. Ich schätze ihn als Ausgleich für mein alkoholgetränktes Dasein. Barkeeper unterstützen leider oft Menschen dabei, immer sinnloseres Zeug von sich zu geben. Da braucht es ein Gegengewicht. Und außerdem gibt es nicht viele Lebensgemeinschaften, bei denen einer nachts um 4 von der Arbeit kommt, während der andere in genau jenem Augenblick zuhause „einen heftigen künstlerischen Erguss“ hat. Bei solchen Worten muss ich mich stets zwingen, dem Adjektiv mehr Gewicht zu verleihen als dem Substantiv.


Mit Cyril einzukaufen, das geht weit über das bloße Einsammeln von Dingen hinaus, die man zum täglichen Leben braucht. Er erkennt Farbmuster von zeitloser Schönheit, wo für mich dort nur eine Konserven-Armee steht. Die Krümmung von Möhren hält er für ein „Abbild des Schicksals“, weil weder ihr Wachstum noch das Dasein als Ganzes linear verlaufen. Er schafft es, dass ich mir richtig billig vorkomme, denn ich sehe nur ... Möhren. Bei 28 verschiedenen Sorten Müsli erblickt er im Wind wogendes Getreide. Es sind solche Augenblicke, die mich animieren. Die wie eine Aufforderung wirken, etwas hinter den Dingen zu sehen.


Dass er damit ab und zu übertreibt, das ist Cyril bewusst. Glaub ich. Nein, sagen wir ... er ahnt es. Und doch kann er kaum gegen seine Natur an. Wie sehr wünsche ich mir ab und an, er hätte zu einem meiner Cocktails einfach nur gesagt „Der schmeckt aber lecker!“. Stattdessen: „Die Symbiose von Granadilla und dem Geschmack Costa Ricas entführt meine Zunge in eine Welt voller Farbe und Tiefe“. Da machste nix mehr!


Bei ihm selbst hat es, so glaube ich zumindest, mit dem Namen angefangen. Seinen richtigen kannte ich lange Zeit nicht, obwohl er irgendwann bei mir einzog. Cyril fing die Post ab. Aber eines Tages war es soweit und ich hielt einen Brief in der Hand, der für ihn sein musste. Für Claus Eugen von der Marwitz. Dieses Monstrum von Namen passte kaum ins Umschlagfenster, geschweige denn zu ihm. Als ich ihm das Schreiben des Finanzamtes auf den Tisch legte, senkte er bekümmert den Kopf, weil ich es nun wusste. Und in Gesprächen, in denen mir nach Auflösung seines Untermietverhältnisses war, nannte ich ihn nur CEvdM. Wahlweise Claus Eugen.


Immer wieder kommt es vor, dass ich gefragt werde, wieso er eigentlich bei mir wohnt. Als Antwort gibt es zwei Versionen. Wünsche ich ein schnelles Ende des Gesprächs, sage ich schlicht „Kunst braucht einen Raum und drum geb ich ihm halt einen". Halte ich Menschen für vertrauenswürdig, gebe ich die Wahrheit preis.


Es war an einem heißen Donnerstag im Juli vor drei Jahren, als ich im Triangel-Park vom Fahrrad stieg und meine glühenden Waden in einen Wasserstrahl hielt. Was mir wie die legitime Nutzung eines Brunnens erschien, das war für Cyril die schlichte Entweihung eines seiner Kunstwerke. Für meinen späteren Untermieter hieß das Ding „Die Lebendigkeit des Kosmos“. Den Namen schleuderte er mir als Erstes an den Kopf, noch als das kühlende Nass durch meine Zehen rann. Gefolgt von „Um Himmels willen“.


Stellen Sie sich eine riesige Büroklammer vor, die von einem zweihundert Meter hohen Gebäude gefallen ist. Auf die verbeulten Überreste hat jemand eine Ananas gesteckt, die unvorsichtigerweise ein Boxtraining besucht und zur Unzeit „da wär ich auch gern mal dabei“ gerufen hat. Diese Kombination ragte aus einem Betonfundament, das einem zusammengeknüllten Kassenbon ähnelte. Irgendwo an der Seite war ein Loch und aus dem strömte das Wasser. Es wurde unten gesammelt und innen wieder hochgepumpt. Eben wie bei einem Brunnen. Ich dachte mir nichts weiter, nutzte den sanften Strahl für eine erfrischende Pause.


Cyril zog mich mitsamt meinem Klapphöckerchen zur Seite, faselte etwas von „Die Kräfte dürfen nicht gestört werden“. Dabei war er es, der meine Abkühlung störte. In diesem Moment eine Diskussion über die unmittelbare Nutzung von Kunst zu beginnen, das hätte nie funktioniert. Ich lag im Staub vor dem Brunnen und verzichtete darauf, er starrte hechelnd auf sein Kunstwerk und wirkte wie weggetreten. Während ich mich aufrappelte und abklopfte, muss er es irgendwie geschafft haben, mir trotz unserer Meinungsverschiedenheit seine Visitenkarte in die Tasche zu stecken. Ich fand sie daheim und schaute ungläubig darauf.


Es war das erste Mal, dass mir seine faszinierende Kraft begegnete. Cyril war auf seine Weise irre, doch genau das war das Spannende daran. Wie ich schon sagte: Er ist eine permanente Aufforderung, auch das Andere hinter den Dingen zu sehen. Die Visitenkarte zierte eine Art Donut mit Alufelgen, der oben von einem grinsenden Okapi angeknabbert wurde. Als wir uns später in einem Café trafen, erklärte er mir, „Urlaubsfreuden“ sei lange sein Lieblingsmotiv gewesen, deshalb habe er es auf die Karten drucken lassen. Erst im Genuss der Freizeit entstünde die Entspannung. Was genau wofür stehe, das müsse ich schon selbst erkennen. Dabei blieb es. Bis heute.


Beim Donut kam ich nicht so wirklich dahinter. Wir trafen uns noch einige Male, vorzugsweise an späten Nachmittagen, bevor ich abends zur Arbeit musste. Er lehrte mich, auf Verschnörkelungen zu schauen, bis mir irgendeine Assoziation käme. Wolkenformen, Lackfarben, Eselsohren an Zeitschriften, zerdrückte Getränkedosen ... überall lauerte Inspiration und die Freiheit, sich dazu etwas auszudenken. Cyril war damit vollständig ausgelastet, während mein Gehirn nach Abwechslung dürstete, wenn ich fünf Minuten auf ein Tiramisu gestarrt hatte. Sie ahnen nicht, wie sehr ich mit dem Löffel hineinstechen wollte. Doch er verbot es. Das Dessert hatte sich nach seiner Analyse in ein Kunstwerk verwandelt, das nicht angetastet werden durfte. Gelegentlich zahlt er dafür, ohne es dann zu essen. Und was gab das für ein Theater, wenn ich es doch verspeiste, während er zum Klo ging.


Eines Abends tauchte er in der Bar auf, in der ich arbeitete, und bestellte sich einen Singapore Sling. Der tiefere Blick durch seine Geschmacksknospen auf die Welt Südostasiens ... war gar keiner. Stattdessen sah er Mönche, die in dicken Bottichen irgendwelche Blätter einkochten. Aus hydraulischen Pressen rann ein dünnlich brauner Saft, so bitter, dass sich alle Zungen der Welt erschüttert abdrehten. Doch wie immer macht die Dosis das Gift und ein paar Tropfen geben den Geschmack. Er fühlte die Sonne auf seiner Haut, die zuvor auf Kirschen in Südfrankreich geschienen haben musste, und die nun im Cherry Heering strahlte. Er roch die Orangen im Cointreau, süße wie bittere, spürte ihre kleinen Poren, aus denen das Aroma strömte, als gelte es, einen Sommer daraus zu komponieren. Und schließlich der Angostura, streng wie ein General, der per Befehl die Geschmäcker tausender Essenzen in wohlige und anstrengende einteilt, um sie wie Truppen in die verschiedenen Regionen auf der Zunge zu entsenden. Cyril trank nicht einfach nur einen Cocktail. Dieser Mann und seine daran beteiligten Organe erlagen auf poetische Weise einer Explosion aus Sinneseindrücken. Ohne Spätfolgen übrigens.


An einem Abend, an dem er tatsächlich nur ein Wasser orderte, sprach ich unvorsichtigerweise vom fehlenden Nutzen eines der Zimmer in meiner Wohnung. Das Angebot, sich dort zum Zwecke der Inspiration einmal im Abgestellten umzusehen, interpretierte er anders. Auf seine Weise eben. Und stand am folgenden Tag mit seinem gesamten Mobiliar vor meiner Tür. Ich würde auch etwas davon haben, sagte er. Sogar ein wenig Miete könne er zahlen, jedenfalls gelegentlich.


Claus Eugen von der Marwitz riskierte mehr als einmal den Rausschmiss. Wenn er behauptete, Verschönerungen meiner Wohnung vorgenommen zu haben. Wenn er, statt zu spülen, das Geschirr einfach ersetzte. Als er eines Tages eine mollige, über 80-Jährige nackt auf meinem Esstisch ausbreitete, um über ihren Akt auf das Problem von Monokulturen aufmerksam zu machen. Durch eine anderthalb Meter hohe Lehmstatue mitten in der Wohnungseingangstür, die er als Mahnmal gegen Überbevölkerung verstand. Nachdem er eines meiner wenigen freien Wochenenden zerstörte, indem er in allen Zeitungen und Internetportalen eine Atelier-Besichtigung in Aussicht gestellt hatte, ohne auch nur ein Wort vorher davon zu sagen.


Mein Leben war zu kompliziert geworden. Cyril war ein Fass von Inspiration und Energie, auch für mich. Aber eines das zu oft barst, während ich gerade daneben stand. Es war ein Mittwoch, als ich um halb 5 in der Früh nach Hause kam und das Licht im Flur einschaltete. Bis zur Decke türmten sich zu beiden Seiten der Diele Torfballen, manche tropfnass. Aus jedem ragte etwas. Oft Besteck, aber auch eine Frisbeescheibe, eine Fernbedienung, einige meiner Familienfotos und mein vermutlich gesamter Vorrat an Drogerieartikeln. Den Schaum vor meinem Mund erzeugte seine Erläuterung, es handele sich um eine Installation zur Unterstützung des Kampfes gegen Mikroplastik. Ich schloss mich erst einmal in meinem Schlafzimmer ein.


Um Mittag herum hatte er Frühstück für mich gemacht, war aber nirgends zu sehen. Der Tisch war dekoriert wie eine Entschuldigung mit dem Duft von Croissants. Doch das änderte nichts mehr. Ich ging festen Schrittes zu seinem Zimmer. Klopfte. Gebot ihm, er solle sich gefälligst stellen. Klopfte erneut. Es war still im Raum. Ich traf die längst fällige Entscheidung und öffnete die Tür.

„CEvdM! So geht es nicht mehr weiter! Ich denke, es ist das Beste ...“

„Darüber wollte ich auch mit dir sprechen. Ich hab da eine Annonce gesehen für ein Objekt, das würde perfekt für uns passen.“

Croissants schmecken übrigens leicht nussig, wenn man sie mit modrigem Geruch kombiniert.

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