Gepfeffertes - Sprache gut gewürzt

Es wirkt das Wort in Ohr und Seele

Herr Mohr muss sein Haus verlassen, obwohl er das eigentlich gar nicht vorhatte. Aber eine Mischung aus Duft in der Nase und Chaos hinter den Augen zieht ihn in die Stadt. Und auf offener Straße trifft er ihn dann richtig, jener ...


Herr Mohr und der Wurstwaren-Blitz


Geschichtenbild zu "Herr Mohr und der Wurstwaren-Blitz"Foto: Christian Steinkrüger

Er saß an seinem Küchentisch und blickte auf drei Scheiben Käse, jene eiserne Reserve vom letzten Einkauf, als Herrn Mohr die seltene Lust auf Wurst überkam. Ein Hauch von Schinken schlich durch seine Nase, obwohl keiner in der Nähe war. Und so ergriff die zarte Obsession von ihm Besitz, ließ ihn aufstehen und seinen Mantel greifen. Der wog schwer auf den Schultern, aber nur halb so viel wie die Erinnerung an einen Morgen, an dem sein Freund Gernot mal zum Frühstück vergebens nach etwas Geräuchertem Ausschau gehalten hatte. Die Diskussion, was man so im Haus haben müsse, falls Gäste kämen, dauerte damals bis weit in den Nachmittag, als beiden schon wieder nach Kuchen war.

 

Es war unausweichlich ... Herr Mohr musste los und sich um ein paar Scheiben bemühen. Dass dieser Umstand ihn in den kommenden Wochen in eine wahrlich heiße Phase stürzen sollte, ahnte er da nicht. Doch auf dem Weg in die Stadt fror Herr Mohr. Zunächst noch.

 

Er trat an die Haltestelle, als er sich an die letzte Busfahrt erinnerte und beschloss, den Weg zu Fuß zurückzulegen. Bis zum Supermarkt in der Innenstadt hätte er sich warmgelaufen und könnte vielleicht sogar den Schal ablegen. Er bog vom Amselweg in die Burggasse, später in den Ringwall und steuerte auf jenem dem Einkaufstempel entgegen, als ... ja, als sich in ihm eine Bratwurst materialisierte. Es war abscheulich. Als säße sie hinter den Pupillen und überdeckte das Zentrum seines Sichtfeldes! Egal, wohin er schaute. Da waren Frauen mit Kinderwagen, in denen Bratwürste lagen. Ein Dekorateur, der im Schaufenster eine Bratwurst bekleidete. Eine Straßenbahn, die von einer Bratwurst um die Ecke gelenkt wurde. Bratwurstwolken, Bratwürste an Bäumen, entsetzlich und fesselnd zugleich. Herrn Mohr überfiel starker Speichelfluss und peinlich berührt hielt er sich instinktiv die Hand vor den Mund, dabei war das noch gar nicht nötig. Auf einer nahen Parkbank überlegte er, was zu tun sei.

 

Herr Mohr brauchte normalerweise keines dieser Kleinelektrogeräte, das mittels Schieben, Wischen, Ziehen und hektischem Daumenkreisen zum Beispiel verrät, wo sich der nächste Haardesigner befindet. Doch heute wäre so ein Apparat für das Auffinden einer Not-Metzgerei hilfreich gewesen. Während er noch überlegte, jemand mit geeigneter Ausstattung zu fragen, nahm neben ihm auf der Bank eine junge Dame Platz.

 

Sie kramte in ihrer Handtasche, einem Gegenstand, den Herr Mohr immer wie einen Schrankkoffer im Kleinformat empfand. Unzählige Utensilien werden darin transportiert und das ganz ohne Verlust an Eleganz.

 

Sie schien gefunden zu haben, wonach sie suchte und zog ein Taschentuch hervor.

‚Eine echte Lady erkennst du daran, wie sie sich die Nase putzt’, hatte Gernot ihn mal aufgeklärt. So verfolgte Herr Mohr mit einer gehobenen Spannung, wie seine Sitznachbarin es nun tun würde. Doch zunächst hatte sie Anderes vor. Das Kleenex bedurfte offensichtlich der Vorbereitung und sie faltete es filigran.

 

Mitten hinein in diese Prozedur überkam Herrn Mohr die nächste Wurst-Attacke. Urplötzlich knickte die junge Frau vor seinem geistigen Auge eine Scheibe Hühnchen in Aspik, weshalb er als Gentleman einschreiten musste.

„Nein“, rief er. „Tun Sie das nicht!“

„Was soll ich Ihrer Meinung nach nicht tun?“, fragte die Verschnupfte.

Die Frage war wie ein Klick, der Herrn Mohr in die Wirklichkeit zurückholte.

„Nichts, nichts“, blickte er erschrocken auf die andere Seite der Bank. „Ich war gerade so in Gedanken.“

„Kann ich denn jetzt?“, wedelte sie mit der Zellulose.

„Aber natürlich, bitte lassen Sie den Dingen Ihren Lauf!“

 

Eine halbe Minute später zweifelte Herr Mohr, ob diese Formulierung nicht etwas zu einladend war. In Comics wird gelegentlich bei einer Hustenattacke die Intensität des Hustens durch kleine Wölkchen vor dem Mund der Person unterstützt. Steigerbar mit Schrauben und Würfeln, die sich darin befinden. Was natürlich total unrealistisch ist. Aber hier und jetzt, auf dieser Bank, war Herr Mohr plötzlich skeptisch. Die Entleerung der Nase war ein Vorgang offenbar größeren Ausmaßes. Die junge Dame atmete immer wieder tief ein und stieß die Luft in gepressten Schüben aus. Der Gentleman wandte sich dezent ab. Nach Gernots Definition würde es mit dem Attribut ‚Lady‘ eher nichts.

 

„Ich bin jetzt fertig“, sagte sie.

„Was muss, das muss“, gab er zurück und schaute in die Ferne.

„Sie haben gesagt, ...“

„Ich weiß. Alles ist gut.“

Eine Weile sahen beide geradeaus und beobachteten ein Eichhörnchen, das, halb am Boden, halb gegen einen Baum gelehnt, zu überlegen schien, was es weiter oben zu holen gibt.

„Wohin gehen Sie?“, fragte Herr Mohr.

„Warum interessiert Sie das?“

„Es ist ein schöner Tag und ich brauche gerade sehr dringend ein gutes Gespräch als Ablenkung. Ich kämpfe da nämlich ganz aktuell mit etwas höchst Seltsamem. Na, und Sie sind erkältet und könnten eine heiße Schokolade gebrauchen. Zwei Bedürfnisse, eine Lösung.“

„Das hört sich verlockend an, aber ich muss leider jetzt wieder zur Arbeit zurück“, ließ die junge Frau Herrn Mohr wissen. „Da drüben, in die Metzgerei Wörner.“

 

Normalerweise kann man ausschließen, dass ein auf einer Parkbank einschlagender Blitz nur eine von zwei Personen erwischt, während die zweite von den hunderttausend Volt nichts abbekommt. In diesem Fall aber war es so. Herr Mohr verschob seine gesamte Gesichtshaut mit den Augenbrauen nach oben, drehte in Zeitlupe den Kopf nach rechts und sah in das Antlitz einer schmunzelnden Bratwurst. Diese stand auf, wünschte einen schönen Tag und verabschiedete sich mit den Worten: „Vielleicht ein anderes Mal.“

Klick ... alle Heizstrahler auf Otto!

 

Während die Überdosis Strom langsam wieder aus Herrn Mohrs Körper abfloss, dachte er an Gernot. Dieser fliesenlegende Philosoph hatte ihn seinerzeit wissen lassen: „Wennste ne gute Gelegenheit voll in die Fresse kriegst, dann dreh dich nich weg!“

Er drehte sich nicht weg. Vielmehr verfolgte er, wie die junge Frau über die nahe Straße lief und in einem roten Backsteinhaus verschwand, in dessen Erdgeschoss sich die Metzgerei Wörner befand, eröffnet 1953, wie ein Schild informierte.

 

Herr Mohr stand auf und strebte hinüber, wie von unsichtbaren Schnüren gelenkt. Vor dem Schaufenster blieb er stehen und betrachtete die Auslagen. Sein Heißhunger auf Wurst war mit dem Blitz seltsamerweise verschwunden. Dafür sah er ins Innere des Ladens und erspähte die Verschnupfte, wie sie einem Kunden ein Lächeln zuwarf. Plötzlich war da ein anderes Gefühl, das ihn beschlich, das er aber nicht zulassen konnte, weil es so abwegig war wie die ganzen Bratwürste, die er bis dahin ansehen musste. Ein Gefühl wie im Kinderzimmer, wenn die kleine Schwester mit dem Kreisel spielt. Ein Gefühl wie Vanillepudding, den sich der Tischnachbar einverleibt, während man selbst auf ein Glas Wasser starrt. In dem festen Wunsch auf ein ebensolches Lächeln betrat Herr Mohr die Metzgerei.

 

„Sie schon wieder?“, fragte die junge Dame.

„Ja, wie Unkraut, das wächst auch immer nach.“

„Was darf’s denn sein?“

„Was empfehlen Sie mir denn?“

Sie deutete auf die schwarzen, mit Kreide beschriebenen Tafeln hinter der Theke.

„Das sind unsere Angebote der Woche.“

„Dann nehme ich hundert Gramm von der Salami. Der ungarischen Salami.“

„Gerne, einmal die Hartwurst mit Migrationshintergrund“, schoss sie heraus.

„Der Ausdruck gefällt mir“, antwortete Herr Mohr. „Ich dachte, Sie wären Studentin.“

„Nein, ich bin Fleischwaren-Fachverkäuferin, wenn’s recht ist.“

„Aber ja, natürlich.“

„Noch was?“

Herr Mohr hätte liebend gerne gesagt ‚Ihre Adresse, die Telefonnummer und einen regelmäßigen Eintrag in Ihrem Kalender, bitte’. Doch dazu wäre er nie in der Lage. Und zudem trennte die beiden nicht nur eine Theke, sondern auch ein Unterschied von fast dreißig Jahren. Sein Blick fiel, nur kurz von ihrem Gesicht ablassend, auf das Namensschild am Kittel und verriet ihm wenigstens ihren Namen.

Sogar für ihn selbst unerwartet sagte er: „Noch hundert Gramm von dem gekochten Schinken ... und ein Lächeln, bitte, Frau Kleindienst.“

 

Clara Kleindienst, sonst nie um ein spontanes Wort verlegen, stockte in der  Bewegung zum Schinken, verharrte für einige Sekunden in einer rückenunfreundlichen Schräglage und überlegte, was nun zu tun sei. Mit der Professionalität von acht Berufsjahren stach sie in exakt fünf Scheiben und außerdem mit dem nächsten Satz in Herrn Mohrs Herz.

„Für Sie als neuen Stammkunden doch gerne“, flötete sie, unterlegt von einem Lächeln, das Pretty Woman wie eine schlechtgelaunte Hexe aussehen ließ.

 

Kurz darauf saß Herr Mohr wieder auf der Bank unweit des Backsteinhauses und sinnierte die Sonne an. Der Mantel lag neben ihm. Er brauchte ihn vorerst nicht mehr. Das Bild von Clara Kleindienst in seinem Kopf erzeugte die notwendige Wärme und schmolz außerdem den Altersunterschied.

 

Herrn Mohr umgab eine Hülle von Verliebtheit und mit dem Duft von Schinken in der Nase strebte er zufrieden heimwärts. Der neue Stammkunde der Metzgerei Wörner würde sich gleich morgen um Hähnchen in Aspik bemühen. Und um die Gunst der Fleischwaren-Fachverkäuferin. Zwei äußerst verrückte Gedanken, wie er fand. Aber wenigstens sah er keine Bratwürste mehr.

 

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